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Bunte Republik Deutschland (4)

Dezember 10, 2009

Als Kind bin ich mal über ein Buch von Carl Zuckmayer gestolpert dass meine Eltern in ihrer Bibliothek hatten und habe ihn damals gelesen, obwohl ich Zuckmayer eigentlich nicht so richtig verstanden habe, denn uns Grundschülern hat man eher Bücher von Astrid Lindgren, Enid Blyton, oder H. de Roos zum Lesen gegeben. Trotzdem blieb mir Zuckmayer im Gedächtnis und als ich älter wurde las ich alles von ihm. Stets im Gedächtnis blieb mir das, meiner Meinung nach, beste Bekenntnis zur Toleranz. Nun mag „des Teufels General“ in der Bewertung recht unterschiedlich sein, allerdings habe ich eine Passage nicht vergessen:

All diese alten verpanschten rheinischen Familien! Stell’n Se sich doch bloß mal ihre womögliche Ahnenreihe vor:
Da war ein römischer Feldherr, ’n schwarzer Kerl, der hat einem blonden Mädchen Latein beigebracht. Dann kam ’n jüdischer Gewürzhändler in die Familie. Das war ’n ernster Mensch. Der ist schon vor der Heirat Christ geworden und hat die katholische Haustradition begründet. Dann kam ’n griechischer Arzt dazu, ’n keltischer Legionär, ’n Graubündner Landskecht, ein schwedischer Reiter… und ein französischer Schauspieler. Ein böhmischer Musikant!
Und das alles hat am Rhein gelebt, gerauft, gesoffen, gesungen und Kinder gezeugt. Und der Goethe, der kam aus demselben Topf, und der Beethoven, und der Gutenberg, und so weiter, und so weiter… Das war’n die Besten, mein Lieber.

Der Volksschauspieler Willy Millowitsch hat es damals bei dem Event in Köln „Arsch huh, Zäng ussenander“ zitiert, als man in Köln gegen Fremdenfeindlichkeit und die damals wachsende Ausländerfeindlichkeit, sowie Gewalt gegen Asylanten auf die Straße gegangen ist.

Es entspricht meinem Bild einer offenen Gesellschaft und meinem Verständnis von diesem Land. Meine Familie kam aus Italien, aus Österreich, Ungarn, Polen, Weißrussland und aus Süddeutschland. Die Melange davon traf sich irgendwann im Rheinland und daraus enstanden mein Bruder und ich. Da meine Eltern viele Bekannte aus anderen Nationen hatten wurden wir auch stets herumgereicht und so kam ich von den Serben zu den „Osmanen,“ zu den Griechen und den Italienern. Entweder wurde ich mit allerlei Leckereien gemästet, wobei ich die türkischen Leckereien als die pervers leckersten empfunden habe und beschloss, „wenn es eine Wiedergeburt gibt, dann möchte ich aber als türkischer Honig auf die Welt kommen, oder besser noch als Baklava.“ Meinen Wunsch änderte ich, als ein ägyptischer Botschaftangestellter mit seiner Familie im Nachbarhaus einzog und seine Frau diese raffinierten Hühnchen machte. Ich stellte mir vor wie herrlich es wäre, wenn ich als Hühnchen in diese Sauce springe und danach im Ofen landete. Allerdings dauerte es dann auch nicht lange und ich wäre gern ein Bagel, oder ein gefillter Fisch geworden, obwohl ich mit Fisch absolut wenig anfangen konnte.

Als ich älter wurde habe ich angefangen mich mit der Kultur anderer Länder zu beschäftigen und den Rat meiner Oma angenommen, „wenn Du die Kultur anderer Menschen verstehen willst, dann mußt Du ihre Bücher kennen.“ Nicht nur habe ich angefangen Sprachen zu lernen, sondern auch angefangen Bücher zu lesen die man in deutschen Übersetzungen bekam. Nach der Revolution im Iran wurde in Europa das Schreckensszenario des Islam an die Wand geworfen und nicht wenige Muslime, die vorher weltoffen und tolerant waren, begannen sich vom Rest abzukanzeln. Bei den Evangelikalen würde man sagen, „sie wurden wiedergeboren.“

Das hat mich, ehrlich gesagt, überrascht und so las ich dann zum ersten Mal den Koran. Alles was ich las und was im Iran geschah, fand ich ziemlich suspekt, denn die Stellen, auf die man immer Bezug nahm, fand ich nicht. Bis Heute halte  ich den Koran als Religionswerk das vor 1000 Jahren verfasst wurde. Damals allerdings schon traten einige Muslime mehr als radikal auf und so las ich in den Achtziger Jahren Werke von islamischen Dichtern und Lyrikern weil ich mir beim besten Willen nicht vorstellen konnte, dass eine Gesellschaft von Heute auf Morgen so dermaßen durchdrehen kann. Und ich fand auch Muslime die mir meine Sichtweise bestätigten und sich selber keinen Reim auf die plötzlich einsetzende Frömmigkeit machen konnten. Vor allem begann Anfang der Achtziger Jahre die Debatte über „diese Muslime“ in Deutschland die man plötzlich nicht mehr als den „netten Herrn Özgül“ bezeichnete, sondern ihn argwöhnisch als 5. Kolonne Teherans betrachtete, obwohl der Herr Özgül in seinem kleinen Laden immer noch seinen Kunden eine Tasse Tee spendierte. Der Argwohn auf diese Migranten wuchs.

Nach dem Terroranschlag vom 11.9 verfiel Deutschland zwar nicht in Hysterie, auch wenn das immer wieder behauptet wird, aber nach dem 11.9 bekamen die Oberwasser, die schon in den Siebziger und Achtziger Jahren vor dieser „fremden Kultur“ gewarnt hatten. Und, was noch fataler ist, sie bekamen plötzlich Zulauf. Das nicht nur von latent Xenophoben, sondern auch von Vertretern islamischer Gemeinden und Islamophilen. Beide Seiten bedienen sich der in Deutschland lebenden Muslime um sich entweder als Opfer grassierenden Rassismus zu gerieren, oder darauf hinzuweisen, dass jeder Muslim nicht nur ein potenzieller Attentäter, sondern auch ein potenzieller Meuchelmörder sein könne der dem europäischen Abendland den Garaus macht. Während die eine Seite alles ausblendet was mit dem Islam nichts zu tun hat und sich eigentlich weigert dem nachzugehen, listet die andere Seite akribisch die vermeintlichen Missetaten der „Musels“ auf und bedient sich auch gerne Muslime die es sich zur Aufgabe gemacht haben Mißstände zu benennen. Hinzu kommen auf beiden Seiten hilfswillige Claqeure die nicht müde werden zu betonen, wie Islamophob die deutsche Gesellschaft sei, oder  „Dhimmi„, je nach Sichtweise.

Leider tragen beide Seiten auch dazu bei, dass sich das Klima merklich abkühlt und man sich nicht sonderlich wohl fühlt. Besonders im Zeitalter des Internets wachsen Webseiten wie Pilze aus dem Boden auf denen die Überlegenheit des Islam gepredigt wird, als auch der Hass auf alle Muslime. Ich behaupte einfach mal würde Mohamed auf die Erde kommen und feststellen was man aus seinen Lehren gemacht hat, er würde wohl beide Seiten mit einer  Fatwa belegen. Begreift man den Koran aus dem historischen Kontext, dann versteht man worauf es Mohamed ankam. Es ist schon mehr als anmaßend, wenn man versucht den Koran in der heutigen Zeit auf politischer Ebene zu nutzen, ohne dass man offensichtlich die Geschichte der damaligen Zeit kennt. Und es ist anmaßend, wenn man dem Koran unterstellt er würde für alles stehen, was daraus gemacht wurde.

Leider scheinen in den letzten 200 Jahren viele Schriftgelehrten den Koran nicht richtig verstanden zu haben und leider gibt es viele Gläubige die offensichtlich glauben der Koran würde dazu anhalten, dass Morde gegen Ungläubige im Sinne des Koran seien, oder Morde gegen Muslime von Mohamed gutgeheißen würden. Das wurden sie nicht. Mohamed hat nicht zum Mord von Sunniten an Shiiten aufgerufen, er hat auch keine Gruppe bevorzugt und gesagt der wahabitische Glauben sei der einzig wahre. Ihm ging es darum eine Gruppe zu einen, in dem er eine Religion verfasste. Damit ist er nicht mehr und nicht weniger als andere auch. Das und nichts weniger sagt der Koran.

Wenn eine Muslima ein Kopftuch tragen will, als Ausdruck ihrer Religion, dann sollte man ihr das zugestehen. Statt dessen versucht man krampfhaft einzureden, dass dies ein Zeichen der Unterdrückung wäre, während die andere Seite versucht der jungen Frau einzureden dass man nur dann eine gute Muslima ist, wenn man das Kopftuch trägt. Nun sagt der Koran darüber eigentlich nichts, sondern orientiert sich an anderen Schriften. Orientiert man sich an den historischen Schriften, dann war es wohl Usus, dass Frau einen Schleier trug. Wenn eine Frau das heute machen möchte, warum soll man ihr das verbieten? Mit welchem Recht eigentlich?

Zurück aber zum Eingangsthema und zur Bunten Republik Deutschland:

Es ist doch völlig egal, ob jemand Özgül, Al-Hamid, Koslowsky, Goldstein oder Schulz heißt. Es ist ebenso egal welcher Religion der Betreffende angehört. Seit Jahrhunderten sind Menschen hier eingewandert und haben sich niedergelassen und irgendwann sind sie hier aufgegangen. Es gibt sogar Fürsten deren Mutti war eine Muslimin, ohne dass sich ein selbsternannter Tugendwächter das Maul darüber zerissen hätte. Wichtiger sollte sein, dass man dieser unsäglichen Abschiebepraxis einen Riegel vorschiebt, oder dieser „Bürgertum auf Option“ eine Absage erteilt.

Es gehört zu einer Gesellschaft, dass man die Menschen so akzeptiert wie sie sind. Es gehört auch zu einer Gesellschaft dass man Extremisten die rote Karte zeigt und diese nicht toleriert. Eine Gesellschaft die fähig ist verschiedene Kulturen unter einen Hut zu bringen, unabhängig ihrer Weltanschauung, das ist eine offene Gesellschaft und die Kulturen werden ihres dazu beitragen, dass man in 20 oder 30 jahren von einem „melting Pot“ spricht. Und dann werden auch die alteingesessenen keine Probleme damit haben einem habilitierten Dr. Özgül -das verfolgt mich jetzt- eine Wohnung zu vermieten, denn Migranten, das sind wahrscheinlich über 70% in diesem Land, wenn sie sich die Mühe machen und ihre Wurzeln verfolgen. Da ist bestimmt ein Franzose, ein Italiener, ein Holländer, ein Schweizer, ein Osmane, ein Finne, ein Russe, ein jüdischer Europäer, ein Däne, ein Schwede, ein Portugiese, ein Ire, ein Engländer, ein Ungar, ein Österreicher, ein Norweger, ein Belgier, ein Luxemburger, ein Bosniake, ein Serbe, ein Kroate, ein Albaner, ein Grieche, oder gar ein Nordafrikaner drin.

Man kann nur empfehlen, dass man sich mal mit der Geschichte beschäftigt .

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One Comment leave one →
  1. Dezember 20, 2009 3:39 pm

    Lieber Taylorbob,
    ich erkenne in deinen autobiographischen Notizen auch einen Teil meiner Erfahrungen wieder. Während meine Grosselterngeneration noch an der Monarchie haftete – der Demokratie wurde dort seit Waimar zutiefst misstraut – hatten die meisten Leute aus dem Umfeld der Generation meiner Eltern einen weiteren Blick, weit über die deutschnationale Befindlichkeit hinaus. Das spiegelte sich auch in den Wünschen zur Bildung und gesellschaftlichen Verantwortung wieder, die an mich herangetragen wurden. Im Geiste der zu vollziehenden europäischen Union mit transatlantischer Orientierung wurden Schul- und Ausbildungsaufenthalte in Frankreich, Italien, Canada und den USA gefördert.
    Unter dem Eindruck der Vertreibungserfahrungen während und nach WKII – in den 60er und 70er Jahren sassen an jedem zweiten Ofen meist ärmliche Kostgänger aus Schlesien, Böhmen und aus den faschistischen Diktaturen Spaniens, Portugals und Griechenlands – waren Migranten und Exilanten aus aller Welt für meine Eltern keine Bedrohung, sondern eher Anlass für interessierte Empathie und Unterstützung in einem liberalkonservativen Rahmen: „Kaum ein Mensch verlässt seine Heimat aus freien Stücken, sondern meist aus einer Bedrängung heraus“ war ein Leitmotiv.
    Die genaolgische Aufarbeitung dieser kindlichen Beobachtungen aus meiner frühen Zeit habe ich leider verpasst, es sind meist nur fragmentarische Anekdoten übrig geblieben und religiöse Themen ergaben sich eher über das christliche Chisma Katholizismus, Orthodoxie und Protestantentum von Zypern bis Sankt Petersburg.
    Einen schönen vierten Advent wünscht
    Zuppi

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