Es grossert wieder

„Um Himmels Willen Grosser!“ ruft man schon zwangsläufig aus, wenn man eine Zeitung aufschlägt und die kruden Gedanken Alfred Grossers liest.

In der Oktoberausgabe der Jüdischen Zeitung nahm man Grossers Buch zum Anlaß und machte über den „bis an die Schmerzgrenze gerecht(en)“ eine komplette Seite mit den Ansichten des „Humanistischen Atheisten“ und „Kritikers.“ Herausgekommen ist dabei das übliche Konglomerat aus Halbwissen, Unterstellungen, Behauptungen und bis an die Schmerzgrenze selbstgerechten Jammerns.

Aber der Reihe nach: Irgendwann war es Grosser zu wenig über das Deutsch/Französische Verhältnis zu politisieren und zum Tausendsten Mal darüber zu sprechen, wie de Gaulle, Pompidou, d’Estaing oder Mitterand die Sache gesehen hätten, oder über Europa zu schreiben. Das wollte keiner hören und lockte wenig Hunde hinter dem Ofen vor. In Rente wollte er nicht und vielleicht einen Altersruhesitz irgendwo an der schönen Côte d’Azur auch nicht. Außerdem schien er zu befürchten, dass er wohl über kurz oder lang in Vergessenheit gerät, denn das schlechte Gewissen deutscher Sozialdemokraten ist er nicht, die Geschichte  seit Anbeginn der Zeit, wie der Erklärbär Peter Scholl-Latour, hat er auch nicht mitgemacht und war auch nicht live dabei, als Moishele das Meer teilte. Das war halt der PSL.  Außerdem wollte er wohl auch weiter beliebt sein und nicht in der frischen Meeresluft der Bretagne Rost ansetzen. Also blieben nur zwei Möglichkeiten, USA und Israel. Mit beiden Themen macht man sich nicht sonderlich beliebt, wenn man sich positiv zu beidem äußert, im Gegenteil, man wird eher unbeliebt und auf Veranstaltungen an den Katzentisch verbannt.  Da die USA schon einen Michael Moore haben, besann sich Grosser auf seine Wurzeln und entdeckte, dass man mit „Israelkritik“ zum gefragten Zeitgenossen wird.  Plötzlich war er beliebt wie nie zuvor.

Nun sind Interviews eine Sache, eine ganz andere ist, wenn man dem ganzen noch einen ultimativen Kick verpasst und praktisch eine goldene Brücke baut. Also schrieb Grosser ein Buch. Nicht irgendein Buch über seine Jugend und den ganzen Schmonzes, sondern es mußte ein „kritisches“ Buch sein und natürlich alles beinhalten was das Herz eines kritischen Anhängers hoch schlagen lässt. Kaum veröffentlicht war Grosser quasi zum Selbstläufer geworden und nun kann er alles sagen, was er vorher sich nie getraut hätte zu sagen. Zum Beispiel dass er spät, aber immerhin noch rechtzeitig gemerkt hat, dass er doch Jude ist. Das bewahrt ihn nicht nur davor nach seinem Tod mal vom Vatikan seelig gesprochen zu werden, es bewahrt ihn auch vor der Bedeutungslosigkeit zu Lebzeiten.

Nun also war er bei der Jüdischen Zeitung zu Gast, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, auch den kritischen Juden, sowie den kritischen Israelis eine Plattform zu verschaffen und sie alles sagen lässt, was sich der Gemeine an sich nicht traut zu sagen. So zum Beispiel regt sich Alfred Grosser darüber auf, dass es in Berlin einen Sderot-Platz gibt.  Für Grosser eine Ungeheuerlichkeit, angesichts der, seiner Meinung nach, täglichen Kriegsverbrechen derer sich das Regime in Jerusalem schuldig macht.  Ständig, so erzählt er, würde er nun fragen, warum es im Rahmen der Gleichberechtigung keinen „Gaza-Platz“ geben würde, denn die eindeutigen und einzigen Opfer in diesem Konflikt wären ja schließlich die Einwohner in Gaza.

Grosser will offensichtlich nicht begreifen, dass es die Araber waren, die einen palästinensischen Staat abgelehnt hatten und zum Rauswurf der Juden aus dem Nahen Osten aufgebrochen sind, statt dessen regt er sich über Lieberman auf und darüber dass man nicht ihn (Grosser), sondern Elie Wiesel zum Festredner bestellt hat, als Israel seinen 60. Geburtstag feierte. „Dabei,“ so der streitbare „Kritiker,“ „will der gar nicht in Israel leben.“

Der ganze Artikel besteht aus einer einzigen Nörgelei Grossers über praktisch alles. Ob nun Westerwelle Außenminister werden könnte -dabei wäre Grosser, der praktisch der Macher Europas ist, viel geeigneter- , über die Opferrolle der Hamas und der Palästinenser, die zu wenig Gehör findet, bis hin zu den Verbrechern in Jerusalem, die so mächtig sind, dass man sich in Deutschland praktisch unter dem Meinungsdiktat des israelischen Premierministers ducken würde.

Die Hamas sind für Grosser keine Verbrecher, sondern halt die Stimme der palästinensischen Bevölkerung, die ansonsten ungehört blieben. Und Terror sei halt der Hilfeschrei der Entrechteten. Schließlich würde man die Bevölkerung in Gaza und der Westbank kontinuierlich vertreiben. Ihnen Wasser vorenthalten usw. Und Israel müsse von einem jüdischen Staat, endlich zu einem weltlichen kommen. Warum dann aber Christen, Muslime und Juden in Israel friedlich unter einem Dach leben und sich die Nichtjüdische Bevölkerung wahrscheinlich bis zum äußersten wehren würde, sollte Lieberman so verfahren wie er es angeblich macht, darüber schweigt er, weil er gar keine Ahnung über die Verhältnisse in Israel besitzt. Auch scheint er nicht zu wissen, dass es es zwei Parteien in den Autonomiegebieten gibt, die Fatah und die Hamas, wobei Letztere  den Gaza mittlerweile zu einem waffenstarrenden Gottesstaat ausgebaut hat. Grosser macht sich ebenso keine Gedanken darüber, warum der Gazastrip, der seit 2005 völlig frei ist von jüdischer Bevölkerung, nicht ein prosperierendes und florierendes Staatswesen aufgebaut hat. Die Behörden hätten dort die Gelegenheit gehabt das perfekte Staats- und Gemeinwesen aufzubauen. Statt dessen setzen sie auf Terror und werden nicht müde zu betonen, dass sie nur dann leben könnten, wenn Israel vernichtet sei.

Statt dessen holt er sie raus, die große virtuelle Moralkeule mit der Deutschland klein gehalten werden soll und ereifert sich darüber, dass man in Deutschland bezüglich Israel nicht mal mehr was sagen dürfe, obwohl „die Deutschen“ ja mit dem Holocaust nichts zu tun gehabt hätten. Damals war es eine Minderheit und die nach dem Krieg geborenen hätten nun mal keine Kollektivschuld. Walser, der streitbare Geist, sei dafür gescholten und mit der Auschwitzkeule erschlagen worden, nur weil er sich getraut hat auszusprechen was man nur denken dürfe in Deutschland.

Das man in Deutschland ohne Probleme den Staat Israel kritisieren kann, das geht Grosser nicht in’s Hirn und er begreift auch nicht den Unterschied zwischen legitimer Kritik und plumpen Antizionismus/Antisemitismus. Denn die Kritiker betreiben keine Kritik, sondern setzen Israel mit dem NS-Staat gleich. Sie vergleichen Gaza mit dem Warschauer Ghetto, bezeichnen Lieberman und Netanyahu als Rechtsradikale, sowie den Staat Israel als Apartheidsregime. Das hat mit Kritik nicht zu tun und es ist heuchlerisch, wenn man sich dann noch als „Freund Israels“ bezeichnet. Es wäre in etwa so, als würde ich Grosser in’s Gesicht spucken und sagen, „stell Dich nicht so an, war nur legitime Kritik unter Freunden.“

Grosser stört es nicht, wenn Leute wie Frau Langer, die nicht müde werden Israel zu diskreditieren, mit Applaus bedacht werden und dem Bundesverdienstkreuz, weil sie das ausprechen, was viele Leute im Land denken. Es stört ihn auch nicht, wenn ein Bundespräsident die Laudatio auf einen offen bekennenden Antisemiten hält, weil Antisemitismus und Antizionismus ja nichts weiter als legitime Kritik sein sollen und die müsse ja schließlich erlaubt sein.

Ihn stört es auch nicht, dass man ungehindert in Deutschland durch die Straßen ziehen darf und den Tod der Juden in Israel fordern kann, während Gegendemonstranten, die offensichtlich aus der Geschichte gelernt haben, als gefährliche Brandstifter kriminalisiert und verhaftet werden. Statt dessen sorgt er sich darüber, dass eine kleine Gruppe in Deutschland die Meinung über Israel unterdrückt. Sei es in den Medien, oder auf der Straße und fordert mehr Mut ein das sagen zu dürfen, was man denkt. Leider hat man ihn nicht gefragt ob das auch beinhalten würde, wenn man öffentlich den Holocaust in Zweifel zieht, oder die Auslöschung eines Volkes fordern würde. Schließlich gibt es genügend Menschen für die Israel die größte Bedrohung des Friedens in der Welt darstellt und die wahrscheinlich kein Problem damit haben, sollte ein Genozid an Israel endlich die vermeintlichen Probleme, an der die Welt krankt, beenden würde. Wahrscheinlich hat man Grosser deswegen nicht gefragt, weil er ja ein „Humanistischer Atheist“ ist, der plötzlich, wie die Kinder von Lourdes, zu seinem Judentum zurückgefunden haben will, welches ihn komischerweise seit über 50 jahren nicht interessiert hat. Ich weiß nicht, ob Grosser jemals an die Millionen Kinder gedacht hat, die mit den Transporten in die Vernichtungslager gefahren sind und nicht die Gnade besaßen in einem katholischen Internat unterzukommen. Was würden diese Kinder ihm Heute sagen?

Es gibt Personen des öffentlichen Lebens die ziehen sich zurück wenn die Zeit reif dafür ist. Grosser allerdings scheint so von sich überzeugt, dass er sein Judentum aus der persönlichen Mottenkiste vom Speicher holen muß, das ganze entstauben und sich als das personifizierte jüdische Gewissen präsentiert. Er schreckt nicht einmal davor zurück, Antizionisten und anderen Ungusteln den Kosherstempel auf den Hintern zu drücken und erklärte bar jeder Vernunft, „Israelkritikern“ das diese  ja schließlich aus der Geschichte gelernt hätten, sich Sorgen machen würden und dies auch lautstark tun sollten. Und sei es nur, dass man erklärt, die Nazis wären ja gar nicht so schlimm gewesen, wie man immer behauptet.

Wenigstens kann man eines sagen, ein Platz am Mount Herzl wird ihm wahrscheinlich verwehrt bleiben, außer Avnery wird Ministerpräsident oder Staatspräsident in Israel. So ist es der einzige Trost den man hat, denn Grosser wird auch weiterhin der „vermeintlich streitbare Geist“ bleiben.

Die Betrachtung über Grosser ist in der Oktoberausgabe der Jüdischen Zeitung erschienen und nur in der Druckversion erhältlich. Wahrscheinlich dürfte es im November auch Online abrufbar sein.

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Ein Gedanke zu “Es grossert wieder

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