Skip to content

Einsamer Tod

April 10, 2009

Vier Tage lag er tot in seiner Wohnung, bis man, auf Grund der Gerüche, die Tür geöffnet hat und ihn fand.

Kennen gelernt habe ich ihn  im Rahmen meiner ehrenamtlichen Tätigkeit das erste -und auch das einzige Mal- persönlich im letzten Jahr. Werner sollte da endlich zum Arzt und nachdem er mir beim ersten Mal durch die Finger glitt, hatte ich beim zweiten Mal Glück, weil eine Praktikantin sich extra ganz früh am Morgen vor dem Obdachlosenasyl postierte und ihn abfing. Werners Geschichte kannte ich ja schon aus den Akten. 1939 geboren, durchlief er das Schicksal einiger „Kriegskinder“ und begann mit 12, oder 14 Jahren, so genau konnte man das nicht sagen, als Scherenschleifer in einem Solinger Betrieb. Da er nicht richtig lesen und schreiben konnte gehörte er zu den Ersten die man auf die Straße setzte, als es mit den Betrieben abwärts ging und als Solinger Qualität nicht mehr so geschätzt war auf die Straße. Danach schlug er sich irgendwie so durch und weil er mit Verträgen, Finanzen und allem anderen nicht viel anfangen konnte, da ihm die Bedeutung völlig unbekannt war, landete er irgendwann auf der Straße. Es interessiert keinen dass man weder lesen, noch schreiben kann.

Werner kam dann irgendwann nach Bonn und hatte Glück, dass die Caritas ihm die Möglichkeit bot, eine feste Wohnung um Prälat Schleich Haus zu bekommen. Die Wohnungen sind zwar eher Zimmer, aber sie bieten einem Obdachlosen die Möglichkeit ein einigermaßen würdiges und selbstbestimmtes Leben zu führen. Letztes Jahr im Jänner wollte er am Abend noch einmal kurz in die Innenstadt und wurde direkt am Haus von mehreren Jugendlichen überfallen und mit einem Baseballschläger zusammen geschlagen. So genau weiß niemand um was es eigentlich ging, denn die Täter wurden nicht geschnappt und Geld besitzen die wenigsten Obdachlosen. Wahrscheinlich wollte man einfach nur seinen Frust an den Ärmsten der Gesellschaft ablassen und Werner war halt zur falschen Zeit am falschen Ort. Wahrscheinlich hätte er auch die Nacht auf der Straße verbracht, wenn er sich nicht, trotz seiner Verletzungen, aufgerafft hätte und so gefunden in ein Krankenhaus gebracht wurde. Für ihn wurde dann eine Betreuung eingerichtet, allerdings nur für den Bereich der medizinischen Vorsorge, damit eine weitere Behandlung und Nachsorge geführt werden konnte.

Werner schien das aber nicht so zu sehen und bei meinem Gespräch hatte ich auch so das Gefühl, dass ihm das nicht sonderlich zusagte. Ich weiß nicht ob ihm das unangenehm war, oder er der Meinung war, er könne auf sich selber besser Acht geben, oder er niemandem zur Last fallen wollte. Mir allerdings war er sympathisch in seinem Auftreten und seiner Art von Humor. Auf jeden Fall war es schwierig die Arzttermine einzuhalten und beim ersten Mal, als ich mich seiner annahm, da war ich schon ziemlich früh da, aber er war schon weg. Anscheinend stand er mitten in der Nacht auf und entschwand dann im Bonner Morgen. Möglichkeiten sich mit Frühstück zu versorgen gibt es auch in Bonn und ich hatte da auch nicht große Lust alle bekannten Punkte abzufahren. Beim zweiten Mal erwischte ich ihn halt -Dank der Praktikantin- und konnte ihn beim Arzt vorführen. Beim nächsten Termin war ich auch wieder sehr früh da, aber Werner machte nicht auf. Die Information konnte mir nicht helfen und meinte nur lapidar: „Vielleicht ist er beim Penny, die machen schon um 7 auf. Die Wohnung öffnen können wir nicht, aber wenn die nächste Schicht kommt, dann können wir ja mal klopfen.“ Ich machte also einen neuen Termin, informierte die Leute, dass sie Werner eine Nachricht in Kasten steckten und ihn bei der Geldausgabe informieren sollten, dass ich pünktlich um 8 Uhr da sein würde.

An besagten Tag war Werner wieder nicht da. Die Info lag noch im Briefkasten und so wie ich es mitbekam besaß Werner eine Freundin in Köln. Möglich das er sich dort aufhielt. Man wollte dann nicht nur versuchen einen Ersatzschlüssel zu bekommen, man wollte Werner auch nach der Telephonnummer seiner Freundin fragen, damit man wenigstens einen Ansprechpartner hat. Werner kam zwar immer pünktlich zur Geldauszahlung, sonst passierte aber nichts und die Kollegin, die die gesetzliche Betreuung für Werner hatte wollte nicht nur, dass Werner sich in ihrem Büro meldet, sondern stellte auch einen Antrag beim Vormundschaftsgericht für eine Vorführung beim Arzt, schließlich wußte niemand so richtig welche Folgeschäden noch behandelt werden mußten. Der Antrag wurde allerdings abgelehnt und das Attest der Computertomographie wurde auch nicht in Augenschein genommen.

Vor ein paar Tagen war ich dann zu Besuch an meinem ehrenamtlichen Arbeitsplatz, da ich nach meiner OP die strikte Anweisung erhalten hatte auf mein Herz zu achten und erst einmal ruhiger zu treten. Meine Kollegin erzählte mir dann vom Tod Werners, wie er wohl, einsam in der Wohnung, gestorben sein muß und dort vier Tage lang lag bis man ihn fand. Ihr ging das sehr nah, denn gesetzliche Betreuer sind keine Monster und haben auch Gefühle und diese Betreuerin nimmt sich alles sehr zu Herzen, was zwischen ihr und mir zu einigen Diskussionen führte, da sie auf dem besten Weg war ihre Gesundheit zu ruinieren. Auch erzählte sie mir vom Tod einer Betreuten die sich vor die Bahn warf. 36 Jahre alt wurde sie aus der Psychatrie entlassen, da sie keine Anzeichen mehr eines Suizids hatte und auf alle den Eindruck machte, sie  wäre wieder richtig gefestigt, bis sie am Abend an die Gleise trat und sich vor den Zug warf.

Ich kannte diese Betreute nicht, aber Werners Tod hat mir einen Stich in die Nieren versetzt und ich hoffe, dass er jetzt an einem Ort ist wo es ihm besser geht. Während meiner ehrenamtlichen Zeit habe ich mich oft dafür geschämt, dass es mir besser geht, selbst wenn ich ein Jahr lang meine Mutter gepflegt habe. Da waren so viele Menschen, dass man eigentlich nur in Zynismus verfallen konnte, damit man das einigermaßen verkraftet hat und die Schicksale, die dahinter standen einen nicht noch in’s Privatleben begleitet haben. Mein Hund gab mir dabei immer die Kraft und meine eigentliche Tätigkeit half mir zwar, aber Angesichts des Elends kamen mir die Probleme meiner Klienten manchmal wie Peanuts vor.

Ich weiß nicht ob es ein Paradies gibt und habe keine Ahnung ob es Wiedergeburt gibt. Ich glaube nicht mal das es einen Gott gibt, aber für Werner wünsche ich mir diese Dinge und fände es schön, wenn er in einem Paradies ist und wenn es eine Wiedergeburt gibt, dass er in einer Familie wiedergeboren wird und all das bekommt, was er in seinem Leben nicht bekommen hat. Und ich wünsche ihm das es wirklich einen Gott gibt der ihn ihn, wie einen Welpen, auf seinem Weg leitet.

Advertisements
No comments yet

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: