Nickjuden

Es ist schon ein paar Jährchen her, da habe ich mir eine filmische Retrospektive über den europäischen Kolonialismus angeschaut.

Mein Vater nutzte damals den Begriff „Nicknagges“ für Afrikaner die sich förmlich ein Bein ausrissen, damit die europäischen Herrenmenschen zufrieden waren und sich den Schwarzen gegenüber als etwas besseres fühlen konnten. Er meinte damit, dass es immer Menschen gibt, die einfach alles abnicken, nicht nur um ihre Ruhe zu haben, sondern auch damit sie sich als Gleichwertig fühlen können, ohne das sie es in Wirklichkeit sind.

In den letzten Tagen, Wochen und Monaten kann ich mich nicht des Gefühls erwehren, dass „der Deutsche“ auch einen „Nicknagges,“ oder besser einen Nickjuden braucht, der ihm das Gefühl vermitteln soll, dass er etwas ganz besonderes ist. Der Antisemit/Antizionist braucht kein Viagra mehr, wenn sein persönlicher Alibijude heran geeilt kommt und die Aussage, „Israel ist ein faschistischer Apartheidstaat“ dahin gehend relativiert, dass dies zwar sehr hart klingen würde, aber im Grunde genommen nichts weiter als eine legitime Israelkritik sei, die man zum einen nicht überbewerten dürfte und zum anderen man doch mal einen Blick auf dieses Land werfen sollte.  Danach wird dann der Kosherstempel erteilt und bei Kritik explizit darauf hingewiesen, dass man ja Jude sei und somit sakrosankt -Als würde es keine jüdischen Idioten geben-. Meist folgt dann auch noch der Hinweis mit der „Antisemitismuskeule“ um direkt klar zu stellen, dass jede Kritik, sei sie noch so blödsinnig, erlaubt sei. Darauf kann sich der Antisemit dann einen rubbeln, oder um mit Charles Bukowski zu sprechen: „Ich machte mir eine Flasche Rotwein auf, dann holte  ich mir erst Mal so zwei Drei mal einen runter und begann meine Geschichte zu schreiben.“

Auf der anderen Seite gibt es dann „die Deutschen“ die „ihren Juden“ für den Erinnerungskult brauchen und als gutes Gewissen, wie toll doch alles nach 45 geworden ist. Sie erwarten förmlich, dass sofort ein Vertreter des ZDJ angerauscht kommt und im Beisein der Medien erklärt, „Mann, was sind wir froh, dass Ihr doch so tolle Leute geworden seid. Ok, man mag zwar als Jude immer noch nicht mit einer Kipa in die U-Bahn steigen, aber hey, dafür habt Ihr ja so an Euch gearbeitet, dass man uns nicht mehr die Synagogen über dem Kopf in Brand steckt und wir sogar im Fernsehen auftreten dürfen.“ Natürlich erwartet man eine gewisse Dankbarkeit für Dinge die eigentlich selbstverständlich sein sollten, denn als Christ, Buddhist, Muslim, oder Zeuge Jehovas kann man ja auch tun und lassen was man will. Selbst wenn man sich nackt auszieht und zigmal um einen Stein rennt, dann hat man hier noch ein Wohlwollen daran, schließlich ist es eine Naturreligion. Bei „seinem Juden“ allerdings hat man diese Liberalität nicht, als Jude hat man in diesem Land zu funktionieren. Nickt man auf dem Erinnerungsmarathon alles ab sind alle zufrieden, stellt man sich quer, dann ist die Betroffenheit groß. Trifft man noch auf Norbert Blüm, dann kann man gewiss sein, dass einem die Nationalität abgesprochen wird und das alte antisemitische Ressentiment ausgegraben wird, dass alle Juden in Deutschland auch automatisch Israelis sind, was völliger Quatsch ist.

Hat man einen positiv gestimmten Menschen erwischt, der in einer Diskussion erkennt, dass sein Gegenüber möglicherweise jüdisch sein könnte -Niemand hat die Religionszugehörigkeit auf der Stirn stehen- dann kommt dieser, ohne Umschweife, sofort auf seine Familie zu sprechen die ja also wirklich gegen Hitler war und natürlich waren die keine Nationalsozialisten -als hätte man das jemals behauptet- und man habe ja auch leiden müssen. Meist wird dann der Oberschlesische Großonkel mütterlicherseits aus dem Hut gezaubert der 1945 vor den Polen fliehen mußte, die, wen wundert’s, noch schlimmer waren als die Nazis. Und natürlich kann man sich das ja gar nicht vorstellen wie schrecklich das doch damals alles war, so als wären die Konzentrationslager eine Freizeiteinrichtung gewesen, in denen Andersdenkende quasi vor einem Mob beschützt werden mußten. Danach kommt dann die Gegenwart dran und natürlich findet man das Existenzrecht Israels elementar wichtig, aber „müssen die denn gleich so brachial gegen die armen Palästinenser vorgehen? Haben die denn keine Lehre aus der Vergangeheit gezogen?“ -Vielleicht die Lehre, dass es sich bis an die Zähne bewaffnet weitaus entspannter leben läßt, wenn man seinem Gegenüber eine 45er an die Stirn hält und sagt, „Ich jage Dir eine Kugel in den Kopf, wenn Du auch nur einen Fuß in meinen Garten setzt.“ Und sich nicht wie ein Lamm zur Schlachtbank führen läßt.-

Die unfriedlichen kommen da gleich zur Sache und leiten ihre „Israelkritik“ mit den Worten ein, „man darf ja mal nichts sagen, wegen Hitler und so, aber sind Sie nicht auch der Meinung“……und dann folgt die übliche Litanei aus Verschwörungstheorien, den Weisen von Zion, der zionistischen Lobby die in jedem Computer sitzt und natürlich der jüdischen Lobby, die jede Kritik an Israel mit der Antisemismuskeule abschmettert. Dabei agieren beide Seiten gleich, denn die Betreffenden sind einfach nur Beiwerk in ihrem Leben, so lange diese auch mitspielen.

Zeigt sich das Objekt der Begierde aber, wie eingangs erwähnt, bockig, ist man verstört. Sofort muß dann wenigstens ein Mitglied antanzen und im Fernsehen pflichtbewußt erklären, dass es einen Antisemitismus in Deutschland gibt -sofortige Betroffenheit-, man aber noch nie in den letzten Tausend Jahren in Deutschland so gut behandelt wurde wie in der  Gegenwart -man möchte ihn jetzt sofort und auf der Stelle adoptieren- und natürlich dürfe man in Deutschland patriotisch bis zum abwinken sein -man ist fast geneigt ein Fläschen Sprudelsekt zu köpfen- und alles wirklich prima ist, besonders wenn man sich so im europäischen Ausland umschaut. Da lacht dann die Koralle und kollektiv liegt man sich in den Armen in dem Bewußtsein, „Ja, wir haben alles richtig gemacht, die Juden haben uns lieb.“ Und natürlich ist man schnell bei der Hand ihm gegenüber „die gemeinsame Vergangenheit“ zu betonen, so als wären ja eigentlich alle damals Opfer gewesen, „die Juden“, deren Vernichtung man anstrebte und „die Deutschen“ die ja irgendwie doch nicht so deutsch waren und von den Nationalsozialisten mißbraucht wurden.

Dabei gibt es keine gemeinsame Vergangenheit. Auf der einen Seite standen Opfer und auf der anderen Seite standen Täter und man kann den Betroffenheitsfanatikern in’s Gästebuch schreiben, dass die Deutschen zwar die Endlösung geplant und betrieben haben, sie aber in ganz Europa willge Helfer gefunden hatten. Mit denen könnten sie eigentlich ihren Gedächtniskult abhalten, aber weder haben die ein Interesse daran, noch möchte man sich in diesem Land die Butter vom Brot nehmen lassen und betrachtet „die Juden“ als gemeinschaftliches Kollektiv, dass sich doch bitteschön als schmückendes Beiwerk zur Verfügung halten sollte.

Und wenn sich die Wogen geglättet haben, was in diesem Land immer recht schnell passiert, dann freut man sich darüber, wenn jemand vom ZDJ bei einer Gedenkveranstaltung auf die Bühne eilt und erklärt, „alles ist ganz wunderbar im Land. Brennende Israelfahnen, die Kollektivierung von Juden in Deutschland mit Israel sind völlig normal und Ihr habt alle ganz toll aus der Vergangenheit gelernt,“ dann freut man sich und kann sich ganz entspannt zurücklehnen.

Man mag die toten Juden -die sind aber völlig uninteressant-, aber man mag die Lebenden noch viel lieber, denn die können den Nachkommen alles vergeben und darauf kommt es an. Und so ist man im Moment noch ein bisschen beleidigt, dass der ZdJ sich beim Erinerungsmarathon 2009 so bockig zeigte.

Man sollte aber nicht besorgt sein, denn es gibt immer einen Juden im Land, der sich nicht nur gerne auf den Veranstaltungen herum reichen läßt und den Anwesenden erklärt wie toll sie doch alles gemeistert haben, nein es wird auch immer einen Juden geben der dem Antisemiten erklärt, dass er doch ein ganz toller Bub ist und er sich von seiner Kritik am Judentum nicht abbringen lassen darf. Um es mit meinem verstorbenen Vater zu sagen, „es gibt immer einen Nicknagges, der wie ein Wackeldackel dem vermeintlichen Übermenschen seinen Oragsmus verschafft, damit dieser ihn auch wieder ganz doll lieb haben kann.“ Und so wird es auch immer wenigstens einen Juden geben, der dem „guten Deutschen“ erklärt, wie toll er das alles nach 45 gemeistert hat und den Israelis am liebsten im Brustton der Überzeugung zurufen möchte, „verlasst Israel und wandert ein nach Deutschland, hier ist alles so wunderschön. Man möchte fast sagen wie im Schlaraffenland.“ Und damit wären am Ende mehrere Seiten befriedigt. Der Antisemit/Antizionist hätte seinen Uri Avnery ganz bei sich und müßte diesen nicht extra einfliegen lassen. Der Nahostkonflikt wäre in einem Handstreich gelöst und Frank Walter Steinmeier müßte sich vorkommen wie Hans-Dietrich Genscher in Prag. Die Araber wären glücklich, könnten sie endlich ihren Staat vom Libanon bis Eilat haben und die Gutmenschen wären glücklich, könnten sie doch der ganzen Welt zeigen, wie sehr sie aus dem Nationalsozialismus ihre Lehren gezogen haben, dass sich ein ganzes Land kollektiv um Aufnahme bemüht. Sie könnten dann auch wieder von Erinnerung zu Erinnerung ziehen und sich im Glanze eines Zentralratsmitglied sonnen.

Es gäbe aber auch Verlierer. Die Linken und Rechten müßten wieder Telephonbücher wälzen, um eventuell am Nachnamen erkennen zu können, ob es sich um einen Juden handelt, „sag mal Thal, klingt das nicht jüdisch?“ „Mit „H“ oder ohne?“ „Mit!“ „Dann is’es ein Jude.“ Und für die Araber in diesem Land, die gern und ausgiebig ihre Verwandten im Libanon vergessen, wenn diese von der libanesischen Armee drangsaliert werden, ist es dann auch vorbei mit dem Feindbild Israel -ok, es gäbe keine Demonstrationen mehr-.

Für Wolfgang Thierse und andere wäre das aber ein paradiesischer Zustand, könnten sie doch endlich das Bild grade rücken und sich als kollektive Opfer, Seite an Seite mit den jüdischen Gemeinden präsentieren, denn von 33-45 gab es doch schließlich nur Opfer in diesem Land.

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