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Sklavenhandel

Januar 20, 2009

Am Wochenende besuchte ich einen entfernten Bekannten, den ich lange nicht mehr gesehen hatte. Damit ihm nicht ständig die Decke auf den Kopf fallen würde, so erzählte er mir, hätte er von der ARGE ein Angebot erhalten und würde jetzt seit ein paar Monaten arbeiten.

Das fand ich nicht schlecht, da er zuletzt recht frustriert wirkte, denn auf seine Bewerbungen kamen entweder gar keine Rückmeldungen, oder Absagen, also fragte ich ihn was er denn da machen würde und er erzählte mir er würde für einen kirchlichen Verein Betreuungen machen. „Betreuungen? Was betreust denn da?“ Und er erklärte, er würde 30 Stunden die Woche arbeiten und halt  Alte und Kranke zum Arzt begleiten, oder zu Behörden, für die Einkaufen gehen, halt so die üblichen Sachen die sie selber nicht mehr machen können. Soziales Engagement finde ich ja nicht schlecht und fragte was er denn so bekommen würde. „Zwischen 126 und 136 €, je nach Arbeitsleistung.“ Ich dachte ja erst, ich hab‘ was an den Ohren und meinte, „hmm, ich glaube ich habe grad einen Hörsturz, was war das noch für eine Summe?“ „Zwischen 126 und 136 €.“ Ich dann: „Scusi, ich glaube mir summen irgendwie die Ohren, Du sagtest was zwischen 126 und 136 €, richtig?“ Und er: „Ja, richtig, einen Euro bekomme ich pro Stunde, dafür bekommt mein Arbeitgeber für mich eine Pauschale bezahlt.“

Ich wurde dann doch hellhörig, weil Pauschale klingt für mich dann so, als würde man jemanden vermieten. Vorsichtshalber fragte ich dann nach und er meinte sein Arbeitgeber würde für ihn so 250 € pauschal bekommen, denn, so seine Begründung, würden die ihm halt einen Arbeitsplatz zur Verfügung stellen. Nun stellen Arbeitgeber eigentlich immer Arbeitsplätze zur Verfügung, ohne dass der Angestellte dafür noch Geld mitbringen müßte und die Bezahlung ist dann doch etwas besser, ok, vorausgesetzt man findet einen Arbeitsplatz, aber das hier war für mich doch neu und klang irgendwie nach Sekte, oder MLM -gut bei MLM kann man ja auch einen Ferrari innerhalb von zwei Monaten verdienen, aber geschenkt-.

Ich fragte ihn dann für wen er denn arbeiten würde und er meinte das wäre eine katholische Einrichtung, die verschiedene Dienstleistungen anbieten würden, natürlich gegen Entgelt. Für mich war dann der Punkt gekommen mal zu schauen, was denn da so los ist, denn schließlich waren es doch die Kirchenvertreter die sich gegen Hartz IV wehren und von einer moralischen Verantwortung reden und dann betreiben die einen modernen Sklavenhandel? Also habe ich mich schlau gemacht. Der Verein für den mein Bekannter arbeitet beschäftigt so an die 40 sogenannte geringfügig Beschäftigte, dafür erhält man 10.000 €. Lohnkosten fallen keine an denn die werden von der ARGE gezahlt, also kein Aufwand, maximaler Ertrag. Das nenne ich mal Kapitalismus. Das es sich um eine  gGmbH handelt, heißt nicht, dass man von göttlicher Inspiration getrieben selbstlos dem Nächsten zu Diensten ist, sondern läßt sich die Dienstleistungen natürlich bezahlen -Merke: Umsonst ist nicht mal der Tod-, der Gewinn wird natürlich nicht ausgeschüttet, oder an andere Gemeinnützige Organisationen abgegeben, sondern bleibt, da es sich um die Kirche handelt, im Haus des Herren.

Was springt denn nun für die Arbeitslosen bei der Sache raus, wenn sie schon für einen Euro arbeiten, bekommen sie leichter einen Job? Nein, ich habe dann mal nach der Vermittlungsquote geschaut und festgestellt dass da nicht viel kommt und die Quote eher zu vernachlässigen ist. Wenn sie gut sind, dann wird die Zeit über die üblichen 6 Monate hinaus verlängert, aber dass sie leichter eine Festanstellung auf dem ersten Arbeitsmarkt finden ist eher ein Märchen, dafür werden sie in verschiedenen Bereichen „gemeinnützig“ eingesetzt und arbeiten meist in den Bereichen die sie irgendwann mal ausgeübt haben. Das einzig positive ist, dass jemand aus der Lethargie rauskommt und sich wieder als nützliches Glied der Gesellschaft fühlt, etwas verdienen kann -mehr als 200 € sind nicht, alles andere wird angerechnet- und von der Hoffnung getrieben wird, vielleicht doch wieder eine Festanstellung zu finden, dafür ist dieser moderne Sklavenhandel meiner Ansicht nach aber nicht geeignet, so wie ich das sehe bietet es die Chance sich auf Kosten der Allgemeinheit zu bereichern.

Mein Bekannter hofft zumindest, dass sich seine „soziale Kompetenz“ bei weiteren Bewerbungen gut macht, ob das aber ausreicht wage ich zu bezweifeln, denn im sozialen Bereich sind meistens ausgebildete Fachkräfte, teilweise mit Studium, beschäftigt die eh schon wenig verdienen und sich dafür auch noch schief anschauen lassen müssen. Und wie viele von denen wurden von ihren Arbeitgebern auf die Straße gesetzt.

Und da sage nochmal einer was gegen die freie Marktwirtschaft.

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5 Kommentare leave one →
  1. Martin Bongards permalink
    Januar 21, 2009 4:13 pm

    Weil neu im Thema, ist Ihnen einwesentlicher Punkt bei den „Arbeitsgelegenheiten“ nach § 16d SGB II noch nicht aufgefallen:
    Ihr Bekannter wird wenigstens in einem rechtmäßigen 1-€-Job beschäftigt, da die Tätigkeit wohl wirklich zusätzlich ist.
    http://bundesrecht.juris.de/sgb_2/__16d.html
    In Marburg leeren 1-€-Jobber die Mülleimer in der Stadt Begründung für die Zusätzlichkeit: die Tätigkeiten werden erst nach 16.00 Uhr ausgeübt – und da arbeiten die städtischen Bediensteten nicht mehr.
    Generell soll es sich dabei um eine Qualifizierungsmaßnahme handeln. Daran wollte sich in selbiger Stadt auch das Herder-Institut beteiligen und forderte eine/n studierte/n Historiker/in oder Slawisten/in an.
    Zwei Kilometer von diesem großartigen „Arbeitsplatz“ entfernt sitzt einer von mehreren gemeinenen und gar nicht nützlichen Maßnahmeträgern und schickt junge Erwachsene ohne Impfschutz zu Waldarbeiten in ein FSME – Risokogebiet. FSME ist eine Hirnhautendzündung die durch Zeckenbisse übertragen wird und der mögliche Impschutz muss längerfristig aufgebaut werden.
    http://www.onmeda.de/krankheiten/fsme.html?p=3
    http://www.onmeda.de/krankheiten/fsme.html?p=12
    Ein weitere Maßnahmeträger am anderen Ende des Kaffs betreibt Schulkantinen im gesamten Landkreis. Praktischerweise renoviert dieser Träger die Schulen auch gleich noch.
    Die alternative Kulturszene langt selbstverständlich auch kräftig zu.
    Der Bundesrechnngshof konstatierte unlängst, dass sich bei 75 % dieser „Jobs“ die Zusätzlichkeit nicht überprüfen lasse oder nicht gegeben sei.
    Wenn Ihnen das Ganze nun halbwegs kriminell vorkommt, so täuscht Sie dieser Eindruck nicht. Staatsanwälte haben sich dies bei einigen Träger schon ‚mal angesehen.

    • taylor1944 permalink
      Januar 21, 2009 11:26 pm

      Hallo Martin,

      vielen Dank für Ihren Kommentar und die ergänzenden Informationen, die mir so nicht bekannt waren.
      Wenn ich mir das so durchlese was Sie geschrieben haben, dann habe ich den Eindruck, dass es sich um eine andere Form von Sklavenhandel handelt, denn diese „Firmen“ oder Institutionen werden ja im Prinzip von staatlicher Seite zu 100% subventioniert. Nicht nur, dass eine Pauschale bezahlt wird, zahlen die ARGEN ja auch die Aufwandsentschädigung an den geringfügig Beschäftigten.
      Haben Sie weiterführende Statistiken was die Vermittlungen auf Grund dieser Maßnahmen betrifft? Das was ich zu dem Thema gefunden habe war eher vernichtend und lautete im Tenor, dass keine Maßnahme Langzeitarbeitslose in großer Zahl in den ersten Arbeitsmarkt gebracht hat, sondern sich die Leute praktisch von Maßnahme zu Maßnahme durchhangelten.

      Viele Grüße
      Taylor

  2. Martin Bongards permalink
    Januar 22, 2009 10:08 am

    Hallo Taylor,
    in welcher Tiefe brauchen Sie die Informationen?
    Zum Einstie mit regionalen Informationen:
    http://mittelhessen.verdi.de/themen_von_a_bis_z/eineurojobs
    Dort kann auch ein Kurzbericht desInstituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung heruntergeaden werden. In diesem ist davon die Rede, dass diese Maßnahmen den Erwerbslosen sogar schaden. Es wird ein „Einsperreffekt“ konstatiert. Erwerbslose in Arbeitsgelegenheiten haben demnach oft geringere Chancen eine reguläre Arbeit aufzunehmen als andere. Für neutral gehaltene grundsätzliche Informationen eignet sich der Eintrag bei Wikipedia:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Arbeitsgelegenheiten_mit_Mehraufwandsentschädigung
    In den Fußnoten sind Verweise zu fast allen relevanten Datenquellen.
    Besonders hervorzuheben sind Prüfberichte des Bundesrechnungshof.
    Ich würe dies nicht als Sklavenhandel bezeichnen, sondern als modernisierte Form des Arbeitsdienstes der Weimarar Republik (vor der Militarisierung):
    http://www.bongards.gmxhome.de/berate.html
    Auffällig bei dieser sehr deutschen Krisenlösung sind besonders vier Punkte:
    1. Propagierte Ziele und Arbeitsrealität fallen völlig auseinander. Die Arbeitskräfte werden offensichtlich ausgenutzt und trotzdem werden die Maßnahmen als Förderung dargestellt.
    2. Abkehr von der Legalitätsverpflichtung staatlichen Handelns. Alle wissen, dass die Umsetzung so nicht gesetzeskonform ist. Eine Anpassung der Gesetze an die Realität würde an verfassungsrechtlichen Bedenken scheitern.
    3. Völlige Rücksichtslosigkeit gegenüber den Erwerbslosen. Ihr Gesundheitsschutz wird missachtet; sie haben keine Stimme, keine Interessenvertretung. Sie sind einfach nur noch Objekte.
    4. Alle machen mit; jegliche Hemmungen sind gefallen. Sie müssen nichts befürchten. Wer nicht ihr Komplize ist, gehört nicht dazu und hat keine rechtliche Handhabe inen das Hnadwerk zu legen.
    Sehr bedenklich.
    Viele Grüße
    Martin Bongards

    • taylor1944 permalink
      Januar 22, 2009 11:42 pm

      Hallo Martin,

      vielen Dank für die Links. Ich habe mich da jetzt durchgearbeitet und gehe mit Ihnen konform, dass es wirklich an den Arbeitsdienst der Weimarer Republik erinnert -also alter Wein in neuen Schläuchen-.
      Ich finde es mehr als bedenklich, wenn ein Staat diese Form auch noch protektioniert.
      Was mir noch aufgefallen ist, das in Bezug auf Förderung Gesellschaften wie Pilze aus dem Boden geschossen sind, die zwar viel fordern -Geld aus dem Topf der ARGEN- aber anscheinend wenig effektiv arbeiten was die Förderung betrifft.
      Einfach unglaublich was ich da teilweise gelesen habe und das wird dann auch noch als sinnvolle Maßnahme gerechtfertigt.
      Was hier teilweise beschlossen wird, das ist völlig ohne Sinn und Verstand, aus der Hysterie heraus geboren, dass die Leute gefälligst ihren Beitrag zur Gesellschaft tragen sollen und wird pauschal auf alle Erwerbslosen angewendet. Sollte jemand nicht so funktionieren wie gewünscht, dann wird halt sanktioniert.

      Ein tolles Land

      Viele Grüße
      Taylor

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