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Unterschichtenfernsehen

Oktober 12, 2008

Marcel Reich-Ranicki habe ich vor 20 Jahren mal in Bonn getroffen. Ranicki war damals Gast auf einer Podiumsdiskussion zum Thema deutsche Literatur und ich hatte die Gelegenheit danach kurz mit ihm zu reden -ich denke er wird sich wohl kaum noch daran erinnern-. So wie er damals über die Literatur polterte dachte ich nur, „Himmel, was ist denn das für einer!?!“ Bisher kannte ich ihn ja nur aus dem Fernsehen.

Im Laufe der Jahre merkte ich, dass Reich-Ranicki in vielem Recht hatte was er so sagte. Es gibt genügend Literaten die glauben, sie wäre päpstlicher als der Papst obwohl ihre Bücher eher für den Papierkorb taugen und weniger für einen gemütlichen Leseabend. So mögen ihn manche und manche geraten bei seinem Namen schon in Wallung, aber ich denke er steht über den Dingen und kann damit leben, schließlich hat er schon ganz anderes überlebt. Gestern hatte er dann seinen richtig großen Auftritt, verweigerte die Annahme des deutschen Fernsehpreises und ließ lange Gesichter zurück. Die Situation gerettet hat Thomas Gottschalk der spontan dafür warb, dass Reich-Ranicki sich zusammen mit den Fernsehverantwortlichen einer Diskussion stellt und seine Kritik anbringen kann. Ob das passiert dürfte eher unwahrscheinlich sein und die Zustimmung von ZDF und ARD geschah eher im Überschwang der Gefühle.

Die Zustimmung von Euckens Erbe bei den Freunden der offenen Gesellschaft für Reich-Ranickis treffender Kritik, sieht das Medienmagazin ganz anders und feuerte prompt unter dem Titel, „Urteil ohne Kenntis: Der Irrtum des Reich-Ranickis“ eine Kommentarbreitseite auf den streitbaren Literaturkritiker ab und beweist dabei eins, das etwas merkwürdige Selbstverständnis der Medien. Am Anfang scheint Thomas Lückerath ja noch ganz froh über den Eklat zu sein, denn offensichtlich hält auch er das Fernsehen, so wie es sich präsentiert, für durchaus kritikwürdig, dann allerdings schreibt er,

Doch Reich-Ranicki machte aus seiner Rede gleich eine Pauschal-Kritik am deutschen Fernsehen, die eins beweist: Er kennt das deutsche Fernsehen, durch das er selbst erst große Berühmtheit erreichte, nicht mehr. Seine Kritik am gesamten deutschen Fernsehen anhand einiger fragwürdiger Auszeichnungen bei der 10. Verleihung des Deutschen Fernsehpreises – sie ist willkürlich. Denn auch in der Literatur kann ich an die falschen Bücher geraten – und würde nicht auf die Idee kommen, den Buchdruck oder das Medium zu verteufeln.

Anscheinend kennt Reich-Ranicki das deutsche Fernsehen aber doch besser als man ihm das zugestehen will und es ist schon eine Frechheit zu schreiben, „Reich-Ranickis (digitale) Medienwelt scheint sehr begrenzt – und wer will es ihm im Alter von 88 Jahren auch verübeln.“ Das klingt so als hätte sich ein seniler alter Tattergreis zu Wort gemeldet und man sollte doch demnächst davon Abstand nehmen diesen auch noch Sendezeit einzuräumen, oder den Alten gleich ganz jegliche Kompetenz absprechen.

Wie groß die Medienkompetenz ist: „Reich-Ranickis Kritik ist ein Paradebeispiel dafür, wie wichtig Medienkompetenz inzwischen ist. Die aktive Selektion des Guten aus sehr viel Schlechtem gehört nicht nur im Fernsehen, auch in Print- und Online-Medien zu einer Fähigkeit, die durch ein immer größer gewordenes Angebot gelernt werden muss.“ Zeigt eigentlich eher, wie eingeschränkt die Kompetenz in den Medien unterwegs ist. Früher hieß es noch „Sex sells“ und die Ankündigung, der, oder die Schauspielerin würde sich nackt zeigen ließ sofort die Quoten in die Höhe schnellen, egal wie schlecht der Film auch war. Die Szenen waren das Mediengespräch. Heute ist es das sogenannte „Realityfernsehen.“ Da sind „Sozialfahnder Unterwegs,“ durchwühlen die Mülltonnen von Sozialhilfe-, oder ALGII Empfängern und zerren diese medial an die Öffentlichkeit. Auch wenn die Gesichter unkenntlich gemacht sind, so fühlt der durchschnittliche Bildleser, „Siehste, sind alle kriminell.“ Kochsendungen schießen wie Pilze aus dem Boden, so dass man den Eindruck bekommt, ganz Deutschland ist im Kochfieber. Legionen von Promiköchen zeigen nicht nur, wie man aus einem alten Toast und Pommes Frittes ein leckeres Gericht für zwischendurch zaubern kann, sondern sind auch noch als Unternehmensberater in Sachen „Guten Geschmacks“ unterwegs und versuchen aus „Freddies Frittenbude“ einen Gourmettempel zu machen. Danach ziehen sie fröhlich ab und Freddie kann sich vor Tränen kaum noch halten. Dabei ist das Konzept nicht mal auf deutschem Mist gewachsen, sondern wurde von Gordon Ramsey und Jamie Oliver schon weitaus besser in’s Fernsehen gebracht. Und wem das nicht reicht dem bietet VOX noch „Das perfekte Dinner,“ „Promidinner“ und Amateuren die Möglichkeit in einem richtigen Restaurant zu kochen und dafür Geld zu gewinnen. „Harry und Toto“ sind im Revier unterwegs und Richterin Salesch, sowie Richter Hold verknacken die dann. Danach werden die von Niedrig und Kuhnt, Ingo Lentzen und seinem Team endgültig zur Strecke gebracht. Damit nicht genug treten sie bei RTL in der Geißenshow auf, oder auf Pro7 in der Sendung „U20.“ Das, was so klingt wie der Titel für einen Film über die deutsche Kriegsmarine „Unterwegs mit der U20 und ihrem Kaleu“ zeigt Teenager in den Zeiten der Pubertät und den Schwierigkeiten. Natürlich sind das alle reale Themen die von der Bravogeneration ständig diskutiert werden, wobei ich mich dann frage, sind alle deutschen Teenager generell Übergewichtig, haben Herzprobleme und überlegen, ob sie eine Magenverkleinerung machen, sich den Busen mit 16 vergrößern lassen, oder unbedingt als Musicalstar Karriere machen möchten.

Hinzu kommt dann noch der Dauerkalauer Stefan Raab der wirklich glaubt, er wäre was ganz Besonderes. Aber auch ARD und ZDF bürgen nicht gerade für „Bildungsfernsehen“ wenn man sich die Filme so anschaut. Sonntags findet grundsätzlich Mumienschau statt und sendet die Relikte der Wirtschaftswunderzeit mit den Stars von damals. Ob die Liesel aus dem Schwarzwald, die Fischerin vom Bodensee, oder Anton vom Wörthersee, alles ist vorhanden und wandert, anscheinend mangels Masse, von Sender zu Sender. Wenn Heute auf ARD Anton vom Wörthersee läuft, dann wandert der Film unter der Woche vom NDR bis zum Bayrischen Rundfunk. Aber nicht nur das, auch andere Sendungen die in der ARD laufen, werden von den Regionalanstalten noch mal receycelt. Freut man sich bei der ARD auf einen wirklich guten Film am Samstag, dann kann man darauf wetten, dass dieser weit nach Mitternacht ausgestrahlt wird, weil zuvor entweder Florian Silbereisen, oder sonsteiner dieser Hillibilly Barden seine Sendung bis zum Erbrechen ausreizt. Was bei Hans-Joachim Kulenkampff noch als große Fernsehunterhaltung galt, wirkt Heute einfach nur lästig und ist eine Zumutung. Eine Zeitlang brachte man wirklich interessante Filme weit nach Mitternacht, so dass man am nächsten Morgen mit ganz kleinen Augen unterwegs war. Das ZDF ist auf dem selben Trip und anscheinend ist man dort der Meinung, man müsse mit dem Mitberwerb mithalten und produziert fleißig Telenovelas die einen, auf Grund ihrer Logik, in die Verzweiflung treiben. Problematisch wird es, wenn man den Anspruch erhebt, Fiktion mit aktuellen Problemen paaren zu wollen und dann ein Polizeirevier zeigt, auf dem anscheinend alle mit Alkoholproblemen unterwegs sind, oder so psychischen Problemen zerfressen, dass eine ganze Therapeutenschar schon mal vorsorglich den neuen Volvo ordert, weil man auf Jahre hinaus mit der Lösung der Probleme beschäftigt ist. Notruf Hafenkante verbreitet dann Trübsinn und würde man in Hamburg wohnen, man wäre fast geneigt in die Elbe, oder die Alster zu gehen. Dann die Reportagen, „Die Reportage: Unterwegs mit den Sozialfahndern am Prenzlauer Berg.“ Oder im Kiez, oder Frankfurt Rödelheim, oder oder oder. „Die Reporter, Heute unter anderem, Unterwegs mit den Sozialfahndern im Rhein/Main Gebiet. Millionen von HartzIV Empfängern zocken die Sozialsysteme ab und verdienen schwarz Millionen am deutschen Sozialsystem vorbei.“ Gerne auch, „unsere Unternehmer, die Flaschen in Nadelstreifen.“ Aufbereitet wird das dann noch bei ARD und ZDF von Anne Will und Maybrit Illner, die zwar absolut keine Ahnung hat wovon sie eigentlich redet, sich aber anscheinend dabei ganz wohl fühlt.

Ich wüßte also nicht wofür man sich da feiert, oder daraus einen Anspruch erheben möchte über den Dingen zu stehen. Vor allem feiert sich deutsche Prominenz permanent und erinnert manchmal an eine Jubelkarawane. Jede Provinzzeitung macht schon eine Preisverleihung und von Boris Becker bis Verona Poth ist jeder A,B und C Promi vertreten, feiert sich selber und wird dann am nächsten Tag in den Promisendungen noch einmal medial aufbereitet. Da erfährt man dann auch gleich dass Boris Becker doch nicht schwanger ist, Till Schwaiger eine Actionverfilmung von Schillers „Die Räuber“ plant mit sich in der Hauptrolle und Ralf Möller als seinem Gegenpart. Überlegt wird auch, ob man daraus nicht eine internationale Produktion machen kann und schon in Verhandlungen mit Johnny Depp steht, denn schließlich soll auch die soziale Komponente und die aktuellen Ereignisse mit verarbeitet werden, also Armut, Arbeitslosigkeit, sozialer Abstieg und Globalisierung. Kommt beim Publikum immer gut und man kann sich damit identifizieren.

Was man also Reich-Ranicki vorwerfen kann ist nicht seine pauschale Kritik, sondern dass seine Kritik zu kurz greift. Solange die Leute dieses Trashfood schauen und solange die Medien über sich selbt berichten und die Protagonisten sich selbst feiern was für tolle Hechte sie sind, solange wird man sich entweder über das Fernsehen ärgern, oder man macht es wie der Taylor und nutzt die Glotze nur dazu, um Sportübertragungen, oder Videos und DVDs zu schauen. Wie zum Beispiel „Silentium“ mit Josef Hader. Oder man liest mal wieder ein gutes Buch. Die Fernsehmacher sollten auf jeden Fall ehrlich zu sich selbst sein und sich dazu bekennen, dass sie nur das machen, was der Zuschauer will und sich ihr „Bildungsfernsehen“ von der Backe putzen.

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3 Kommentare leave one →
  1. Oktober 13, 2008 11:25 am

    Das deutsche TV-Programm: Entweder geklaut (dabei auch noch schlecht umgesetzt) oder beschissen.

    Hätte die Show einzig und alleine MRR gegolten, hätte dann auch so einen Wirbel gemacht? So eitel wie er ist. Wahrscheinlich nicht, aber trotzdem hat er natürlich recht.

  2. taylor1944 permalink
    Oktober 13, 2008 7:23 pm

    Hallo Tele,

    hmm, ich denke er hätte wohl auch die Welle gemacht wenn er allein gewesen wäre, denn anscheinend war er wohl den ganzen Tag mies drauf und da kann man sich schon vorstellen, dass bei den Vollpfeifen die da ausgezeichnet wurden bei MRR die Pferde durchgingen. Die hatten ja wohl seine Auszeichnung vorgezogen weil ihm schon der Blocker raste und man verhindern wollte, dass er die komplette Sendung vernichtet.

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  1. Der Untergang der Kultur | DER MISANTHROP

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