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Um Himmels Willen Israel

Mai 7, 2008

War der erste Gedanke der mir durch den Kopf schoss, als ich in der Jüdischen Zeitung „Stimmen zu 60 Jahre Israel“ las.

Eigentlich sollten Geburtstage ja ein Tag zum Feiern sein, besonders wenn es sich um einen runden Geburtstag handelt. Am 8. Mai ist nicht nur der Gedenktag zum Kriegsende, sondern auch Israels Geburtstag. Da wünscht man dem Jubilar viel Glück, alles Gute und erinnert in einer Retrospektive an sein Leben.

Die Jüdische Zeitung nahm den bevorstehenden Jubeltag zum Anlass, bekannten Personen vier persönliche Fragen über ihr Verhältnis zum Staat Israel zu stellen und was diese persönlich Israel wünschen. Neben Gregor Gysi, Ralph Giordano, Charlotte Knobloch, oder Michael Wolfssohn, durften auch Kate P. Katzenstein-Leiterer und Rolf Verleger die folgenden Fragen beantworten

  1. Am 8. Mai wird in Israel der Jahrestag der Staatsgründung begangen. Wo werden Sie an diesem Tag sein und was werden Sie an diesem Tag tun?

  2. Was verbindet Sie ganz persönlich mit Israel?

  3. Welche Bedeutung hat Israel für Ihre eigene Identität?

  4. Was wünschen Sie sich in Zukunft für den Staat Israel?

Während selbst Gregor Gysi die Fragen vernünftig und dem Anlass angemessen beantwortet, nutzen Frau Katzenstein-Leiterer und Herr Verleger die Fragen für eine persönliche Abrechnung und scheinen offensichtlich auch Probleme mit der Geschichte zu besitzen.

„Der 8. Mai ist für mich der Tag der Befreiung Deutschlands vom Hitlerfaschismus durch die Rote Armee der Sowjetunion und ich werde, wie jedes Jahr, an der Kundgebung in Treptow teilnehmen,“ läßt sich Frau Katzenstein-Leiterer entlocken.

Nun zwingt sie niemand mit Israelfähnchen durch Berlin zu laufen, oder sich auf den Weg nach Israel zu machen. Auch war die Rote Armee nicht alleine an der Zerschlagung der Nazidiktatur beteiligt, aber geschenkt. Sie könnte die Antwort so stehen lassen, aber da sie offensichtlich persönliche Probleme mit Israel hat muß sie dieses auch ansprechen.

„Wenn ich an den 60. Jahrestag der Staatsgründung Israels denke, muss ich gleichzeitig an 60 Jahre Naqba der Palästinenser denken, die von ihrem Land vertrieben wurden und immer weiter vertrieben werden.“

Natürlich tragen immer die anderen die Schuld, in diesem Fall Israel. Dass 15% der Israelis Araber sind, interessiert sie nicht. Das der Gaza seit 2005 „Judenfrei“ ist, fällt für sie völlig unter den Tisch. Nun leugnet niemand in Israel dass viele Araber geflohen sind, aber man sollte sich doch die Frage stellen, warum diese Menschen nie auf die Idee kamen ihren Staat zu gründen, schließlich hatten sie 60 Jahre Zeit. Es ist ja wohl kaum die Schuld Israels, dass die arabischen Nachbarn an einer Staatsgründung keinerlei Interesse besaßen.

Statt dessen wirft sie alles durcheinander und unterschlägt, dass sich Israel in mehreren Kriegen erfolgreich den Ambitionen widersetzen konnte ausgelöscht zu werden. „Eine traurige Bilanz, da die illegale Okkupation von palästinensischem Land, die gegen jedes Völker- und Menschenrecht verstößt, auch schon 40 Jahre andauert.“ Nach dem Unabhängigkeitskrieg besetzte Jordanien die Westbank, einschließlich Ostjerusalem und Ägypten den Gaza. Die Okkupation, die komischerweise von niemandem hinterfragt wird, dauerte von 1948 bis 1967. Nun stolperten nicht irgendwelche Kibbuzim zufällig beim Spaziergang in die Gebiete und dachten, „Cool, hier bleiben wir!“ sondern die IDF eroberte die Gebiete in einem Verteidigungskrieg. So ist das nun mal, wer Zoff anfängt und eine auf’s Maul bekommt, der muß halt mit den Folgen leben, in diesem Fall mit dem Verlust der Gebiete.

Ich glaube nicht, dass sie am 8. Mai den Verlust Ostpreußens, Schlesiens, oder des Sudetenlandes betrauert. Während sich den Siegermächten 1945, mit Recht, diese Frage zu keinem Zeitpunkt stellte, war die Regierung Eshkol bereit die Gebiete gegen Frieden zu tauschen. Es sollte auch Frau Katzenstein-Leiterer zu Ohren gekommen sein, dass die arabische Liga dieses Ansinnen ablehnte und wenig Interesse sowohl an den Gebieten, als auch an einem Frieden zeigte. Manchmal frage ich mich ernsthaft in welchen Sphären so manche Zeitgenossen leben, wenn es um Israel geht.

Aber sie ist ja auch froh, dass es den Staat Israel gibt, auch wenn sie es irgendwie nicht so ganz nachvollziehen kann warum dort die Juden leben müssen,

„ich bin sehr froh, dass es mit dem Staat Israel ein Land für die Juden gibt, die dort leben möchten und aus verschiedenen Gründen in ihrer früheren Heimat oder auch in keinem anderen Land leben können und wollen.“

Wahrscheinlich lag es an der tollen Luft, der Aussicht auf das Mittelmeer, den Delphinen in Eilat und dem Schachspiel am Strand von Tel Aviv. Außerdem, so heißt es, eignet sich das Tote Meer prima zur Behandlung von Hauterkrankungen. Das wird wohl der Grund gewesen sein, warum die europäischen Juden in Scharen den Kontinent verließen und nicht der Antisemitismus, oder der Vernichtungswillen einer arischen Herrenrasse die industriell den Massenmord an den europäischen Juden plante und durchführte. Ich würde auch nicht unbedingt mit jemandem leben wollen, der mich ein paar Jahre vorher noch gerne vernichten wollte.

Ob Frau Katzenstein-Leiterer jemals in Israel war weiß ich nicht, aber anscheinend hat sie noch einen Atlas aus dem Aufbauverlag von Anno Schnuff auf dem Israel und seine Nachbarn pauschal als „Volksrepublik Arabien“ verzeichnet sind. Anders kann man ihren Satz nicht erklären, „Aber dieses Land muß ein demokratisches Land sein, das allen anderen Ländern, besonders seinen Nachbarländern auch das Recht zur Selbstbestimmung entsprechend dem Völkerrecht läßt.“ Es wäre mir neu, dass in Israel eine Partei mit 99,9% der Stimmen die Wahlen gewinnen würde. Es wäre mir auch neu, dass in Israel nicht nur das Demonstrationsrecht abgeschafft wurde und die demokratischen Strukturen nicht vorhanden wären, im Gegensatz zu seinen Nachbarn -Jordanien und Libanon mal ausgenommen-. In Ägypten steht zwar Demokratie an der Urne, findet aber kaum statt und in Syrien wird die „Demokratie“ mit 99,9% innerhalb einer Familie bestimmt. In den Autonomiegebieten herrscht eine Nomenklatura die zwar gerne und viel gegenüber den westlichen Medien vom Frieden redet, auf arabisch aber sich die Auslöschung des Nachbarn auf die Fahne geschrieben hat. Ich kenne nur wenig Länder in denen Mörder verherrlicht werden und Kinder zu potenziellen Selbstmordattentätern herangezüchtet werden. Und es wäre mir auch neu, dass Israel seinen Nachbarn Jordanien, Ägypten, Syrien, oder dem Libanon das Selbstbestimmungsrecht abspricht. Ja selbst die Araber in den Autonomiegebieten haben Hamas demokratisch gewählt -Komischerweise wird das ja immer wieder betont, während hier unterstellt wird, Israel habe die Wahlen manipuliert.

Frau Katzenstein-Leiterer ist der Prototyp der Alibijüdin, oder Kosher Nostra. Fakten werden negiert, oder umgebogen und verleiten jeden Antisemiten zu wahren Jubelstürmen. Sie fühlt sich, als deutsche Jüdin natürlich verantwortlich für Israel und lehnt „die Besatzungspolitik“ ab, die auch in ihrem Namen geführt wird. Nun interessiert sich wohl kaum jemand für sie und der Bürgermeister von Sderot wird wohl eher irritiert sein, wenn man ihm erklärt, dass die Frau Katzenstein-Leiterer sich von der Besatzungspolitik in ihrer Eigenschaft als deutsche Jüdin distanziert und ihn, sowie alle Israelis dazu aufruft sich doch bitte kollektiv selbst zu vernichten, damit sie nicht mehr leiden muß. Sie muß auch vom Nahen Osten keine Ahnung haben, genügt es doch zu sagen sie sei selber Jüdin und damit prädestiniert dem Antisemiten, der ja Israel nur kritisiert, Absolution zu erteilen.

Das Israel seit 1979 einen Friedensvertrag mit Ägypten besitzt und seit 1994 offiziell mit Jordanien scheint ihr entgangen zu sein -Treffen zwischen Jordanien und Israel fanden davor schon regelmäßig statt, unter anderem zwischen Shimon Perez und König Hussein unter Vermittlung König Hassan II. in Marokko-. Auch die Beziehungen zwischen Israel und arabischen Staaten scheinen bei ihr untergegangen zu sein.

Während sie allerdings keine Ahnung hat und von Israel verlangt es soll mal ein bisschen was für den Frieden machen wird Rolf Verleger konkreter. Der sieht in Israel den einzigen Agressor der für alles verantwortlich ist,

„ich wünsche dass das Judentum und Israel vom nationalistischen Irrweg umkehren, der nur Leid und Gewalt produziert -Klar die Juden haben den Antisemitismus selbst provoziert-, hin zum Weg der Versöhnung den Südafrika und Nordirland so erfolgreich in unseren Tagen gegangen sind.“

Ob er in Südafrika, oder Nordirland war, das weiß ich nicht. Fakt ist, dass es eine Versöhnung in Südafrika nicht gab, trotz der Kommission unter Desmond Tutu. Die Kluft zwischen Weiß und Schwarz existiert dort immer noch. Es gibt zwar keine Apartheid mehr, zum Glück, aber weder ist der Rassismus überwunden, noch gab es eine vollständige Aussöhnung zwischen Weiß und Schwarz, auch wenn er es gerne hätte. Die gab es auch in Nordirland nicht und er sollte sich mal vor Ort informieren wie es in Nordirland aussieht. Katholische und Protestantische Stadtviertel sind immer noch voneinander getrennt und er kann ja mal versuchen am Marsch der Oranier teilzunehmen. Auch wenn die IRA den bewaffneten Kampf für beendet erklärt, so bedeutet es nicht, dass die Nordirischen Patrioten Nordirland der britischen Zentralregierung überlassen. Katholiken und Protestanten leben außerhalb der großen Zentren einträchtig nebeneinander, das haben sie aber auch schon vor dem Bloody Sunday.

Zurück zu Israel scheint Verleger die Tatsache auszublenden, dass sich Israel seit 60 Jahren gegen die Auslöschungsphantasien seiner Nachbarn zur Wehr setzt. Das war weder in Nordirland, noch in Südafrika der Fall. Es geht im Nahen Osten nicht um Menschen verschiedener Hautfarben in einem Land, oder um den Anschluss der 6 irischen Provinzen an die Republik Irland, sondern um die nackte Existenz eines Staates und seiner Bürger, die ständig in Frage gestellt werden.

Verleger blendet das völlig aus und begreift immer noch nicht, dass es der Hamas darum geht Israel vollständig von der Landkarte zu tilgen. Er kann ja gerne und ausgiebig mit der Hamas reden, niemand hindert ihn daran, aber er soll doch bitte aufhören von der israelischen Regierung zu verlangen, dass diese sich mit Hamas an einen Tisch setzt.

„der kleine Schritt ist, mit der Hamas als der gewählten palästinensischen Vertretung offiziell zu reden.“

Wohin die Verhandlungen mit Hitler führten kann man in jeder Gedenkstätte verfolgen. So würde es man es auch bei Verhandlungen mit der Hamas sehen können der es nicht um einen Frieden geht, sondern um die vollständige Vernichtung. Und offiziell mag die Hamas im Gazastreifen agieren. Den Vernichtungswillen bekräftigen Hamas und Aktivisten täglich.

Und auch Rolf Verleger zeigt dass ihm Israel und die Araber eigentlich Schnurz sind, „Der große Schritt (zum Frieden) ist, dass Israel und wir Juden gegenüber den Palästinensern unsere Verantwortung an der Vertreibung der Araber 1947/1948die Gewalt ging da eigentlich von den Arabern ausund an der folgenden Enteignung ihres Besitzes eingestehen.“

Das ist Balsam auf die Seele. Es spricht jeden Kritiker Israels von allem frei. Schuld an allem sind die Juden, denn mit Katzenstein-Leiterer und Rolf Verleger hat man quasi zwei Kronzeugen gefunden die sich selbst bis zur Selbstaufgabe verleugnen und sich dabei auf ihre jüdische Identität berufen. Kritische Töne in Israel, ein Selbstverständnis einer Demokratie, stellen die Beiden generös in Abrede.

Natürlich hat Israel in der Vergangenheit Fehler begangen, welche Demokratie ist fehlerlos? Und man kann sich als Jude berufen fühlen Israels Existenzrecht in Frage zu stellen, was die NAI täglich macht. Das allerdings ist schon peinlich und eine Beleidigung für die Bürger und Bürgerinnen des israelischen Staates die trotz des Geburtstags immer in der Befürchtung leben, dass es wieder zu einem Krieg mit ihren Nachbarn kommen könnte die sich mit der Existenz eines jüdischen Staates nie abgefunden haben. Und das ist wohl kaum eine israelische oder jüdische Schuld.

*Der Artikel ist online nicht erhältlich, nur in der Printausgabe der Jüdischen Zeitung.

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2 Kommentare leave one →
  1. penck permalink
    Mai 7, 2008 10:37 pm

    vielen dank für diesen genialen beitrag!

  2. Lena permalink
    Juni 17, 2010 10:17 pm

    Ich habe diese Seiten gerade erst entdeckt. Ich bin tief beeindruckt. Man sollte diese
    Artikel vielen Menschen zugänglich machen.

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