Paradox

„Komisch, jeder Deutscher den ich treffe sagt mir, „ich bin kein Nazi.“ Also gibt es wohl keine Nazis.“ (Band of Brothers)

Die Szene hat mich an meine Oma, meinen Vater und ihre Geschichten aus Berlin erinnert. In meiner Familie waren alle stramme Kommunisten, mit einer etwas seltsamen Definition über den Kommunismus, aber das ist eine andere Geschichte. Als die rote Armee Berlin eingenommen hatte und der Krieg vorbei war, flogen in der Heynstraße in Pankow die Parteiabzeichen aus den Fenstern und jeder war natürlich schon seit Karl Marx im tiefsten Innern seines Herzen Kommunist gewesen.

Fast täglich durfte meine Oma auf der Kommandatur vorstellig werden, weil einer aus der Heynstraße mal wieder den großen Widerstandskämpfer gab und meine Oma denunzierte. Niemand war Mitglied der NSDAP und wenn, dann natürlich aus rein pragmatischen Gründen, denn schließlich war man an Leib und Leben bedroht. Nun war meine Oma kein gerade unbeschriebenes Blatt und die Anzeigen gegen die „rote Martha“ liefen natürlich in’s Leere. Besonders geärgert haben sich wohl einige, als meine Oma doch gerne ihren beschlagnahmten Volksempfänger wiederhaben wollte und der Leiter dieser Kommandantur ihr einfach einen in die Hand drückte.

Etwas nach Kriegsende klingelte es an der Haustür und ein Kommissar der Berliner Polizei brachte meiner Oma sämtliche Anzeigen die sich im Laufe von 12 Jahren angesammelt hatten vorbei. Der war Mitglied der KPD und irgendwie clever genug, dass dies niemanden auffiel. Alle Anzeigen gingen über seinen Tisch und er hat all die Jahre die Anzeigen in seinem Schreibtisch verschwinden lassen. Da war dann wirklich alles dabei. Körperverletzung gegen einen SA-Sturmhauptführer 1938, dem hat sie die Uniform in Fetzen geschlagen, weil er es wagte meinem Vater eine Backpfeife zu verpassen. Weitergabe von Lebensmitteln an „Nichtarische Personen.“ Meine Oma hat da einfach eine Mutter und ihr Kind durchgefüttert, das haben Hausbewohner gesehen und zur Anzeige gebracht. Fraternisierung mit „Nichtarischen Personen.“ Nicht nur die junge Mutter, sondern auch Bekannten und Freunden half man halt Deutschland irgendwie zu verlassen -Meine Oma war Schneiderin für einen Textilfabrikanten in Niederschönhausen/Pankow-. Dann kochte sie kurzerhand ein bisschen mehr Kartoffelsuppe -meine Oma hat immer so gekocht, als müsste sie die Fremdenlegion versorgen- und gab diese an russische Kriegsgefangene, nebenbei versteckte sie noch einen geflüchteten Russen. Mein Vater gab Brot an italienische Kriegsgefangene und sein Freund, der das gleiche gemacht hatte, um die Rangabzeichen der Italiener zu bekommen, erzählte das seinem Vater und der lief natürlich sofort zur Polizei. Das ging dann allerdings so aus, dass mein Großonkel erklärte, „Das Brot habe ich in Kroatien gekauft, ja glauben Sie denn ernsthaft wir essen „Nichtdeutsches Brot!“ Das hätte ja vergiftet sein können.“ Dann mal wieder Körperverletzung. Diesmal hatte sie einen SS-Mann verprügelt. Der glaubte es mit Zigeunern zu tun zu haben, da meine Großmutter die unangenehme Eigenschaft besass, zu ihren pechschwarzen Haaren große goldene Ohrringe tragen zu müssen -soviel zu den Rassegesetzen-. Allerdings war dann auch ein Schaffner der Berliner Verkehrsbetriebe dabei, der den Fehler beging meiner Oma zu sagen, „Für Juden, Zigeuner und andere Nichtarier ist es verboten die Strassenbahn zu nutzen. Die ist nur für Deutsche!“ Meine Oma hat dann versucht zu schauen, wie schnell ein Schaffner benötigt hinter der Bahn herzulaufen, leider, oder zum Glück konnte sie das Experiment dann nicht durchführen. Nun, als nun der gute Mann die ganzen Akten übergeben hatte war meine Familie verblüfft wer so alles Parteimitglied war. Der hilfsbereite Nachbar, die freundliche Nachbarin, der nette Fabrikant. Alles ganz normale Leute die plötzlich über Nacht im Widerstand waren, vorher aber noch dem Führer zujubelten.

Die Tante meiner Mutter hat die gesamte Zeit über eine jüdische Familie in ihrem Haus versteckt. Da es ein kleines Dorf in der Nähe von Hannover war, bin ich überzeugt jeder dürfte davon gewusst haben, aber niemand hat über all die Jahre etwas gesagt.  Ende der Siebziger Jahre war ich mal dort und mein Vater und ich waren der Meinung, die Welt hört hinter Hannover auf.

Viele Freunde und Bekannte meiner Großeltern flohen, oder verschwanden. Sowie der Patenonkel meines Vaters an den Folgen starb. Aber niemand war komischerweise für die Nazis.

Das fällt mir jedesmal ein, nicht nur wenn ich den Satz im Film höre, sondern auch wenn ich so manche Rechtfertigungsorgie mitbekomme.  Es gab in Deutschland keine Täter, sondern kollektiv nur Opfer, in etwa so, wie es in Frankreich nur Widerstandskämpfer gab.

Übrigens für den Sozialismus der DDR hatte meine Großmutter auch nichts übrig. Mein Vater verliess das Arbeiter- und Bauernparadies 1956, nachdem er sich kritisch zum Ungarneinmarsch geäußert hatte und auch sonst nicht ganz konform ging. Meine Oma und meine Tante folgten 1960. Für meine Großmutter waren die Bonzen in der DDR nur rotlackierte Faschisten. Und natürlich war auch niemand für die SED, sondern alle dagegen.

Irgendwie paradox.

Ps.: Ach ja, mein Großvater war als Volksdeutscher mit dem Reisebüro der deutschen Wehrmacht unterwegs. Ebenso wie die Brüdermeiner Großmutter, bis auf einen, der hat sich 1937 in UdSSR aufgemacht, nachdem er den Erich Koch von der Bühne schlug. Und jedesmal wenn ich so die Bilder anschaue, besonders die aus Russland, dann frage ich mich, ob mein Opa mitgemacht hat. Ich weiss, dass er von den Säuberungen wußte, schliesslich hat er das daheim erzählt. Aber da er seit 1945 verschollen ist und ich nur ein paar Briefe von ihm habe, sowie den letzten möglichen Aufenthaltsort, konnte ich ihn nie fragen. Und ich hoffe immer, obwohl ich weiss, dass mein Opa daran nie beteiligt war. Aber der Gedanke bei dem politischen Hintergrund wäre für mich eine schlimme Erkenntnis. Ich möchte es auch gar nicht erfahren.

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