Alles Spiesser

„Der Spießer braucht Vorurteile, damit alle Andersdenkenden keinen Platz in seiner Demokratie haben…“ (Elmar Kupke)

Das Journalisten nicht unbedingt gute Schauspieler sind zeigte Jens Jessen, Leiter Feuilleton der Zeit, als er seinen Podcast zur Intoleranz machte. Mit der Gesichtsmimik eines toten Karpfens legte er seine Ansicht dar und wurde daraufhin medial durch’s Dorf getrieben.

Über die Reaktionen muss man nicht unbedingt nachdenken. Allerdings hätte Jessen die Reaktion wohl klar sein müssen, wenn er schon glaubt, er sei von Spiessern umgeben. Dennoch schrieb er sich seinen Frust von der Seele und zeigt eigentlich selber eine gewisse Spiesserhaltung.

„Es ist sinnlos, mit Rechthaberei auf solche Wutausbrüche zu reagieren. Aber die Menge der Zuschriften hat mich doch erschrocken, die ganz augenscheinlich meinen Kommentar nicht verstanden haben oder nicht verstehen wollten oder nur auf eine Gelegenheit zum Losschlagen warteten.“

Eigentlich hätte er wissen müssen, was sein Kommentar auslöst und er dürfte wohl lange genug im Geschäft sein, dass ihm die Kollegen bekannt sind, die sofort in den Seniorenresidenzen einfallen und jeden Pensionisten um eine Stellungnahme bitten. Seine Reaktion finde ich ehrlich gesagt völlig naiv und weltfremd, schliesslich bläst die Springerpresse ja schon zum grossen Halali, wenn in einem öffentlichen Park ein Pärchen pudert –Empörte Eltern befürchten dauerhaften Schaden bei ihren Kindern-, oder ein Regierungschef sich zu seiner Homosexualität bekennt -Offener Brief von F.J. Wagner, „Wie kann ich Ihnen in die Augen sehen und Ihnen vertrauen, wenn ich weiss, dass Sie ein Schwuler sind, ein warmer Bruder gar, der mir vielleicht, in einem unbeobachteten Moment, zwischen die Beine greift“-.

„Keineswegs habe ich, wie mir die meisten unterstellen, die an der Münchener Gewalttat beteiligten Ausländer zu rechtfertigen versucht. Die Pointe bestand ja gerade darin, dass es sich um bekannte Intensivtäter handelte, die für die Masse der hier lebenden ausländischen Jugendlichen gerade nicht repräsentativ sein können: umso fragwürdiger, dass an den Münchner Vorfall eine Ausländerdebatte geknüpft wurde.“

Pointe? Nun sind es ja nicht nur die Nichtraucherverbände in diesem Land, die völlig hysterisch durch die Gegend rennen wenn einer auch nur nach Tabakqualm riecht, sondern auch die Regeln in diesem Land die besagen, „Hier nicht rauchen!“ Weder weiss der Herr Jessen, noch die Leser, also auch nicht das Gewissen der Nation am Puls der Zeit, wie der Rentner seinen Unmut bekundet hat. Und es ist schon ein bisschen seltsam, wenn man auf der einen Seite für generelle Rauchverbote ist, einem Rentner das aber zumuten möchte. Im Podcast allerdings kam es für mich persönlich so rüber, als würde Jessen diese Tat verstehen, nicht rechtfertigen -damit keine Missverständnisse entstehen-. Allerdings und das sollte er eigentlich wissen, werden ständig Debatten nach einem Vorfall geführt. Nun ist zufällig Wahlkampf in Hessen und Niedersachsen, da hätte er sich nur an die Diskussion „Kinder statt Inder“ erinnern müssen. Es ist auch kein rein deutsches Phänomen, dass sofort Debatten in Gang kommen. Wer erinnert sich nicht an die Äußerungen Sarkozys 2005, als er von „Gesindel“ sprach, dass man „wegkärchern“ müsse. Der Punkt ist doch ganz einfach der, dass nicht alle „ausländischen Jugendlichen“ Kriminelle sind, aber man doch bitteschön aufhören soll, von noch mehr Toleranz zu sprechen, wenn es um jugendliche Gewalt geht. In Deutschland ist man sehr schnell bei der Hand nach Möglichkeit für alles Verständnis zu fordern. Jugendliche in Ost- oder Westdeutschland schlagen einen Asylanten zusammen und brüllen „Scheiss Ausländer!“

Kein Problem, das werden die so nicht gemeint haben und man muss ja verstehen, schlechte Kindheit, mangelnde Perspektiven. Vater abgehauen, als der Jugendliche 5 war. Mutter trinkt gewerbsmässig und schlug den immer. Bettnässer noch mit 13, nur zufällig in der NPD-Jugend usw. Das nun medial jugendliche Ausländer als Kriminelle durchs Dorf getrieben werden ist auch kein Novum. Ständig gab es Phasen in denen das Problem omnipräsent war und dann wieder von der Bildfläche verschwand. Jessen hat sich da also keinen Gefallen getan.

„Übrigens bin ich auch keineswegs, wie manche argwöhnten, unvertraut mit den Verhältnissen in öffentlichen Verkehrsmitteln; ich fahre stets spätabends mit der U-Bahn heim; nur dass ich freilich niemals pöbelnde ausländische Jugendliche erlebt habe.“

Habe ich auch noch nicht. Trotzdem würde ich mir kein Urteil darüber bilden, denn nur weil ich es noch nie erlebt habe, heisst das nicht, dass dieses Problem nicht doch existiert. Und nur weil einige Spinner mutmassen, man würde abends in den Fond seines Maybachs klettern und sich von seinem Chauffeur sanft nach Hause fahren lassen, entspannt durch eine Sitzmassage, sollte man auf sowas gar nicht eingehen. Sollen die Leute doch denken was sie wollen.

Ich gebe zu, dass mich die Schlammschlacht des Wahlkampfes, die das Ausländerthema perfide instrumentalisiert, zutiefst erregt hat.“

Wie war das mit den Rauchern? „Halt mein Freund, wer wird denn gleich in die Luft gehen? Gut gelaunt läuft alles wie von selbst -rauch lieber eine HB-.“

„Und ich beharre allerdings darauf, dass Deutschland ein Spießer-Problem hat.“

Das deutsche Problem. Wenn man keine Probleme hat, dann schafft man sich welche. In diesem Fall, das gefühlte Spiesser-Problem. Wenn Du fröhlich bist und Dich Deines Lebens erfreust kommt unter Garantie einer daher und redet Dir irgendein Problem ein, nur damit es Dir genauso geht wie ihm und am Ende gründet man einen Verein. Vor allem wenn man schon „beharrt“ dann hat man eigentlich selbst ein Problem.

„Und dass in diesem Land mit unerbetenen und zudringlichen Ermahnungen, Ratschlägen, Besserwissereien und scheelen Blicken jeder Ausländer schlechte Erfahrungen macht, auch Briten, Franzosen oder Österreicher.“

Herr Jessen kann mir glauben, auch in den von ihm genannten Ländern kann man diese Erfahrungen machen. In Italien wurde ich im Zug von Rom nach Orvieto Zeuge, wie zwei junge Erwachsene vom Schaffner gemassregelt wurden weil sie die Schuhe auf den Polstern hatten. Der eine war Italiener, sein Freund Däne und beide schüttelten auf die Frage des Schaffners ob sie Italiener wären vehement den Kopf, worauf sich der Schaffner über diese Rücksichtlosen Ausländer erregte und bei mir um moralische Unterstützung mit den Worten warb, „kein anständiger Italiener macht sowas. Wir besitzen noch eine Form des zivilisierten Umgangs!“ Woraufhin ich pflichtschuldig mit dem Kopf nickte, was ihn zu wahren Höchstleistungen trieb. In Österreich erklärte man mir, man lasse sich von Ausländern nicht den Mund verbieten, schon gar nicht im eigenen Land und ich könnte ja mal schauen wie es woanders aussieht. Und ein Professor stornierte einen Auftrag, weil ich es verabsäumt hatte in der Auftragsbestätigung „Herr Professor“ zu schreiben. Erst als ich förmlich auf den Brustwarzen kroch und mein Chef mich zu einem grenzdebilen Ausländer erklärte, „Wissen’s eh, die Piefke san a bissl schuggiwuggi“ konnte das Geschäft gemacht werdenvielleicht hätte ich noch seine Frau Professorin pudern sollen-. Und in Frankreich wies mich ein älterer Franzose, wahrscheinlich Rèsistance, darauf hin, dass es auch in Frankreich Müllkörbe gäbe und ich doch bitte mein Papier aufheben soll. Ich weiss auch nicht ob mich Jessen dann auch verteidigt hätte, wenn ich denen eine verplättet hätte. Ich glaube eher nicht.

„Nachbarn in Deutschland können eine Hilfe sein, aber auch eine Zumutung.“

Das können sie überall, nicht nur hier.

„Dies kann natürlich, um es nochmals deutlich zu sagen, niemals eine Rechtfertigung von Gewalt sein, es kann aber eine Erklärung sein für einen Fonds von Gereiztheit, an dem eben nicht nur sich abschottende Ausländermilieus, sondern auch die missgünstige deutsche Mehrheitsgesellschaft ihren Anteil hat.“

Falsch, damit macht man sich die Floskel zu Eigen, nicht nur alles erklären zu wollen, sondern auch um Verständnis zu werben. Und das ist genauso fatal, wie das Werben um Verständnis für Ausländerfeindliche Gewalttäter. Mir gehen auch viele Leute auf den Senkel, trotzdem haue ich die nicht um. Und es liegt an jedem selbst sein Glück zu versuchen, dazu gibt es genügend Beispiele von Migranten die es geschafft haben.

„Wenn es überhaupt stimmt, dass es eine latente oder sogar virulente Gewaltbereitschaft unter ausländischen Jugendlichen gibt, die die ihrer deutschen Generationsgenossen übersteigt, dann lohnt es sich, die Ursachen zu verstehen; aber dieses Verstehen heißt nicht zugleich rechtfertigen.“

Wieder falsch. Es gibt eine ganze Reihe von Ursachen über die man reden muss, aber man muss sie nicht verstehen. Seit 50 Jahren leben Menschen aus anderen Kulturkreisen in diesem Land und plötzlich möchte man verstehen? In einer demokratischen Gesellschaft ist man gefordert für sich selbt Verantwortung zu tragen. Die Verantwortung nimmt einem nun einmal niemand ab. Das ist der Unterschied zu einer totalitären Gesellschaft in der ein Staat die Belange des Bürgers bestimmt. Man hätte in diesem Land aber anders mit der Situation umgehen sollen, das hat man nie gemacht, statt dessen reiste man in die UdSSR um die Russlanddeutschen zu holen und wunderte sich, warum die nach 300 Jahren kein deutsch mehr sprechen. Aber da dass ja im weitesten Sinne auch „Deutsche“ sind, überliess man die sich selbst und wundert sich, dass man noch ein Problem hat. So was ist nicht spiessig, sondern einfach nur dämlich.

„In einigen artikuliert sich just jener Mob, der auch schon der Oktoberrevolution zum Sieg über die Minderheit verholfen hat.“

Das klingt wenig souverän, sondern einfach nur nach billiger Retourkutsche weil jemand das Leninbild erwähnt hat -Als wenn das einen interessiert-. Die Oktoberrevolution war ein langer Prozess auf den „der Mob“ wenig Einfluss hatte. Und die Bolschewiki, die letzlich den Sieg davon getragen haben waren nicht die Mehrheit, sondern eine Minderheit, das sollte man eigentlich wissen.

Jessen ist mit Sicherheit ein kluger Mann, von daher hätte er es einfach lassen sollen, denn wer sich im Nachhinein versucht zu rechtfertigen, lässt sich leicht von Emotionen leiten, besonders wenn er sich die Reaktionen von einigen/vielen Dummschwätzern zu Herzen nimmt.

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Ein Gedanke zu “Alles Spiesser

  1. Pingback: Ausländergewalt - Der Spiessbürger und der gereizte Jungtürke | DER MISANTHROP

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