Reise nach Jerusalem auf italienisch

Früher war ich oft in Italien und habe da sogar mal eine Zeit verbracht. Aber es hat sich in Italien gar nichts getan, im Gegenteil habe ich das Gefühl, wenn ich manchmal die Nachrichten verfolge, es ist noch schlimmer geworden.

Seit Wochen türmen sich in Neapel die Müllberge, weil die Deponien geschlossen wurden und somit der Müll auch nicht mehr abgeholt wird. Das die Camorra dort das Geschäft kontrolliert ist ein offenes Geheimnis und auch nicht das erste Mal, dass die Müllabfuhr einfach nicht ausrückt und sich ein merkwürdiger Duft durch die Strassen verbreitet. Früher war es dann immer so, dass die Regierung einknickte und, um dem Ärger aus dem Weg zu gehen, staatliche Mittel locker machte, damit der Müll von den regionalen Unternehmen entsorgt wurde. Damit schuf sich die Camorra ein nettes Zubrot und organisierte irgendwann den „Mülltourismus.“ Es wurde Müll von aussen zugekauft, in Neapels Strassen verteilt, ein Streik organisiert, oder sonst eine Manipulation und Rom hat dann die Überweisung angeordnet. Bisher lief das immer ganz gut, bis, ja bis die Mitte-Links Regierung ein Exempel statuieren wollte und sich kurzerhand einfach verweigerte. Nicht nur dass man sich vorgenommen hat mit Druck stillgelegte Deponien zu öffnen, vertraute man auf die nationale Einheit und ging davon aus, dass die anderen Regionen Italiens mit Freude die Abfälle aus Neapel übernehmen würden.

Um auch dem letzten Capo klar zu machen die Regierung ist stärker als irgend so ein Hinterhofkrimineller wurde das Militär in Marsch gesetzt -was schon häufiger der Fall war-, diesmal als Müllmänner der Nation. Generalstabsmässig wurde dann noch ein Sonderkommissar eingesetzt, damit die Mission ein voller Erfolg wird. Mittlerweile macht sich Katzenjammer breit. Nicht nur sind die Deponien in und um Neapel immer noch geschlossen, erweist sich die „nationale Einheit“ als Trugschluss, denn Italiener ist nicht gleich Italiener und offenbart Prodi, dass er wohl wenig von seinen Landsleuten, oder den Eigenheiten weiss. Es ist etwas anderes wenn man in Brüssel sitzt und als EU-Kommissar sich einmischt und alle stehen stramm.

In Italien gehen die Uhren anders und die Vollmundige Erklärung der Regierung um den Neapolitanern und den Menschen in Italien zu zeigen, „wir tun was,“ verpufft zusehends. Denn die 11 Regionen, die sich angeblich bereit erklärt haben den Müll aus Neapel abzunehmen, wissen davon gar nichts und so verwundert es nicht, dass es neben Sardinien, auch auf Sizilien zu massiven Demonstrationen gegen den Mülltourismus kam. Ein Italiener fühlt sich, so habe ich es erlebt, nur dann als Italiener, wenn es irgendwo eine Militärparade gibt, oder ein Event statt findet, bei dem Protagonisten aus dem Stiefel um Ruhm und Ehre kämpfen. Ansonsten ist man Regionalpatriot. Man ist Venzianer, Milanese, Römer oder Fiorentiner. Alles was ausserhalb der Stadt, oder der Region angesiedelt ist, ist schlicht und ergreifend Ausland. Norditaliener mögen keine Süditaliener und umgekehrt. Römer betrachten alles was sich ausserhalb von Rom befindet mit Argwohn und Venezianer verfallen bewusst in den regionalen Dialekt um einem Landsmann aus einem anderen Teil deutlich zu machen, „Du gehörst nicht dazu.“

Nun streiten sie sich die Parteien mal wieder, was eigentlich einen Normalzustand bedeutet und anzeigt, die Koalition lebt noch. Die Grünen wollen keine Verbrennungsanlagen. Die Kommunisten argwöhnen der Militäreinsatz könnte auch der Versuch sein eine Militärregierung zu installieren und würde es lieber sehen, wenn die Soldaten in den Kasernen bleiben und Neapel völlig im Dreck versinkt. Und in Brüssel hat Prodi wohl alle Protektion verloren, denn denen geht der Gestank aus Neapel gewaltig auf die Nase, stinkt es doch schon bis in den letzten Winkel der EU-Bürokratie.

EU droht mit Streichung von Geldern

Seit der Ankündigung der drastischen Massnahmen hat das Regierungslager die erforderliche Entschlusskraft vermissen lassen, obschon die EU-Kommission wegen des Müllnotstands bereits mit einem Vertragsverletzungsverfahren und mit der Streichung von Fördergeldern gedroht hat. Bisher ist nicht einmal eine der von Prodi als nutzbar identifizierten Mülldeponien eröffnet worden; zugleich droht sich die vom Regierungschef beschworene Solidarität der anderen Regionen nicht zu materialisieren. Wegen der teilweise heftigen Proteste in Sardinien, Sizilien und anderen Gegenden haben bisher erst wenige tausend Tonnen kampanischen Mülls in Verbrennungsanlagen anderer Regionen entsorgt werden können.

Man schüttelt den Kopf, auch wenn man Italien und die Mentalität der Italiener kennt und fragt sich, wie lange will man das eigentlich noch mitmachen? Wie lange wollen sich die Neapolitaner von einer Bande Krimineller mit Machowahn noch auf der Nase rumtanzen lassen? Da nimmt eine Minderheit eine ganze Region in Geiselhaft und man wütet gegen die Regierung.

Ich bin ja mal gespannt wie es weiter geht und wann die nächsten Wahlen angesetzt werden. Das dürfte im Moment nur eine Frage der Zeit sein und wird von sarkastischen Kabarettisten dort als „italienischer Zeitvertreib“ bezeichnet. „Was machst Du am Sonntag? Ach, ich gehe wohl Morgens zur Wahl und dann in’s Fußballstadion. Man hat ja sonst nicht viel Abwechslung. Vielleicht noch die Kirche.“

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2 Gedanken zu “Reise nach Jerusalem auf italienisch

  1. Zu den Animositäten zwischen Nord- und Süditalienern:

    Habe auf Sardinien sogar mal erlebt, wie junge Leute hupend und johlend durch die Straßen fuhren, um die Niederlage von Juventus im Champions-League-Endspiel gegen Dortmund zu feiern. Und das war wohl nicht nur der Tatsache geschuldet, dass Juve als der FC Bayern München Italiens beliebtes Hassobjekt für den Großteil der anderen ist.

  2. Ich fand es immer recht seltsam die Animositäten zwischen Nord- und Süditalienern. Ein Bekannter erzählte mir damals von seinem Militärdienst in Norditalien und das man, nachdem es ständig Schlägereien zwischen den Rekruten gab, die Kontrahenten in getrennten Gebäuden unterbringen musste. Teilweise wurden in den Waschräumen die Becken von der Wand gerissen und als Schlaginstrumente benutzt. Keine Ahnung ob das Heute noch so ist, oder sich das einigermassen normalisiert hat.
    Ein sehr guter Bekannter war bei den Bersaglieri und begeistert, aber das war wohl in den Fünfziger, oder Sechsziger Jahren.
    Aber der Lokalpatriotismus nahm schon recht eigenartige Züge an.

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