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Wir bekämpfen den Antisemitismus

Dezember 9, 2007

„Na das haben wir ja gar nicht gewusst,“ dürfte so manchem Abgeordneten durch den Kopf gegangen sein, nachdem das Bundesinnenministerium auf Anfrage der Linken mitteilte, von 2002 bis 2006 seien 237 Attacken registriert worden – das bedeutet fast eine Schändung pro Woche. Offensichtlich lebt man im Reichstag in anderen Sphären, denn Historikerin Marion Neiss hat nicht nur beruflich mit der Antisemitismusforschung zu tun und in dieser Eigenschaft mehr als einmal auf antisemitisch motivierte Übergriffe hingewiesen, auch das Onlineportal Hagalil dokumentiert fast täglich wie gut man doch die Vergangenheit in Deutschland aufgearbeitet hat, mit dem Erfolg, dass man David Gall, dem Gründer von Hagalil, im Jahr 2005 nach einem Trägerwechsel die Mittel strich. Eigentlich eine Lappalie, aber für das Familienministerium schwerwiegend genug, so dass Hagalil mehr und mehr auf Spenden angewiesen ist, um seine Arbeit fortzusetzen.

Das der Antisemitismus in Deutschland nicht am 8. Mai 1945 endete scheint im Bundestag nicht angekommen zu sein. Aktiv wurde man meist dann, wenn die Klagen lauter wurden, oder wie in Rostock und Mölln, plötzlich Ausländer das Ziel eines Pogroms wurden. Sofort waren die Politiker Fraktionsübergreifend zur Stelle, um nicht nur ihre Solidarität zu demonstrieren, sondern auch umfassende Massnahmen verkündeten, damit, wie es manchmal betont wurde, sich Auschwitz nie wieder wiederholen dürfe. Nach zwei Wochen war das ganze dann wieder vorbei und man war sich in diesem Land selbst überlassen.

Aktionstage scheinen in diesem Land der Politik nur dann opportun, wenn es dem eigenen Marketing dient. Medienwirksam läßt man sich dann mit Minderheitenvertreter ablichten oder verspricht ein stärkeres Engagement gegen Fremdenfeindlichkeit, oder Antisemitismus, wobei die „zionistische Lobby“ so präsent ist, dass eine Grabschändung nicht mal Erwähnung findet, oder Schmierereien an Synagogen oder sonstigen jüdischen Einrichtungen damit erklärt werden, dass die Täter Jugendliche in einer pubertär schwierigen Phase waren. Werden diese vor Gericht gestellt, dann finden diese sogar noch ein Maß an Verständnis, denn, so liest man es hin und wieder, sind denn nicht die Juden selbst schuld daran? Gibt es nicht Vertreter im ZdJ die den Antisemitismus in Deutschland durch ihre Äußerungen, oder ihre Solidarität mit Israel fördern?

Antisemitismus findet nicht nur im Dunstkreis der Rechten statt, oder als Antizionismus verharmlost bei den Linken. Antisemitismus ist auch in den vermeintlich bürgerlichen Kreisen vorhanden, schließlich hat sich nichts geändert, im Gegenteil hat man in der Existenz Israels ein Ventil gefunden mit dem man seine latenten Ressentiments kanalisieren kann. Ob nun ein Politiker, ein Kirchenvertreter, oder ein Medienvertreter. So lange der Fisch vom Kopf her stinkt ist die Betroffenheitsposse der Bundestagsvertreter einfach nur eine Augenwischerei.

Nun beweist gerade die Linkspartei mit ihrer Anfrage eher einen Sinn für tragische Komödien. Im Oktober letzten Jahres schrieb Ivo Bozic über den Anti-Anti-Zionismus der Linken

Am 12. August marschierten in Berlin über 2000 Menschen gegen Israel auf. „Friedensdemonstration“ nannte sich das, aus dem Lautersprecherwagen ertönten Parolen wie: „Wir sind alle Hizbollah!“, „Hizbollah bis zum Sieg!“ und „Kein Platz für Israel!“ In der ersten Reihe schritt selig lächelnd Wolfgang Gehrcke, Bundestagsabgeordneter und Vorstandsmitglied der Linkspartei. Der Bundesvorstand hatte zur Teilnahme an der Demonstration aufgerufen.

Die WASG fühlte sich da etwas hinterher und lies durch ihr Vorstandsmitglied, Christine Buchholz, erklären „Die Dämonisierung der Hizbollah ist Teil der ideologischen Kriegsführung. Die Linke sollte dabei nicht mitmachen.“ Auch das Portal Online-Polemik.de konnte erstaunliches über den Kampf der Linken gegen Antizionismus und Antisemitismus berichten, so das die Debatte im Bundestag, oder besser die Lippenbekenntnisse eher zur Farce gerieten. Die FDP, durch Möllemann eh schon argwöhnisch betrachtet, ließ es sich nicht nehmen und schlug schon Anfang November eine Enquête-Kommission „Antisemitismus in Deutschland“ vor, denn im Parlament muß alles seine Ordnung haben und man muß halt erst einmal bestimmen was Antisemitismus ist, denn schließlich hört man davon zum ersten Mal und muß sich von Experten erklären lassen, wie sich dieser äußert, damit man im zweiten Schritt dann möglicherweise notwendige Maßnahmen einleiten kann, um diesem entgegen zu wirken, als wäre das eine neue Form der Vogelgrippe. Und sollte man wirklich einen nachhaltigen Beweis für eine, wie auch immer geartete Form den Antisemitismus in Deutschland finden, soll ein erster Schritt zur Bekämpfung gemacht werden. Mag man zwar kaum glauben, ist aber so.

Wozu es dann ein Zentrum für Antisemitismusforschung gibt und Frau Neiss in der jüdischen Zeitung die Tradition der Schändung jüdischer Friedhöfe beschrieb, Portale wie Hagalil, oder der Verfassungsschutz ständig darüber informieren wundert einen nicht wirklich, denn Aktionismus bedeutet für die Politiker immer eine Daseinsberechtigung. Aktionen sind immer gut, ob es nun gegen Fremdenfeindlichkeit, Judenfeindlichkeit, für Antirauchkampagnen, Hartz IV, Renteneintritt, Arbeit für Alle, oder das Klima geht. Man bricht sich damit keinen Zacken aus der Krone und suggeriert man ist am Puls der Zeit. Nächsten Monat ist das Thema wieder vom Tisch, denn nicht nur liebt man die tote Juden mehr als die Lebenden, sondern sieht die Sorgen einer Gemeinschaft von rund 100.000 nicht als drängendes Problem an. Hauptsache man hat darüber gesprochen und kann sich in ein paar Jahren wieder besorgt zum Thema äußern, sowie Gedanken über die Aufklärung machen.

Business as usual sozusagen.


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2 Kommentare leave one →
  1. Dezember 9, 2007 4:29 pm

    Schöner langer Artikel, aber was willst Du uns so wortreich sagen? Es gibt Antisemitismus? Wie überraschend! Es wird zu wenig dagegen getan? Mag sein. Politiker wollen sich nur profilieren? Auch überraschend!
    Jede Straftat sollte verfolgt und geahndet werden. Aber nicht jede Schmiererei an einer Synagoge ist eine antisemititische Schwerststraftat. Auch christliche Kirchen und muslimische Gebetshäuser werden beschmiert. Volltrunkene Idioten verwüsten auch christliche Friedhöfe. Und Schmierereien jeglicher Art finden sich durchaus auch an nicht sakralen Gebäuden, die in keinem Zusammenhang zur jüdischen Gemeinschaft stehen.
    Ich stamme selbst aus einer jüdischen Familie, die Mitglieder im KZ verloren hat, aber dieses Anitsemitismus-Geschrei geht mir auf die Nerven. Jeder Blödmann, der ein Hakenkreuz an eine Synagoge schmiert, darf sich gleich bei seinen Kumpanen „deutscher Held“ geben, der gegen das jüdischen Weltverschwörertum gekämpft hat, weil die guten Anti-Antisemitisten prompt ein Geschrei anstimmen, als habe der Schmalspurnazi ein Großattentat verübt.
    Da mein Kommentar jetzt auch wortreich geraten ist, hier der Extrakt:
    Der Antisemitismus ist genauso verachtenswert wie die Diskriminierung jeder anderen Gruppe von Menschen, und sollte nicht geduldet werden! Und beim nächsten Hakenkreuz an einer Synagoge: Anzeige wegen Sachbeschädigung erstatten, wegwischen und den Täter verfluchen. „Mögen ihm sämtliche Zähne ausfallen bis auf einen, und der soll ein Loch haben!“

  2. taylor1944 permalink
    Dezember 9, 2007 7:58 pm

    Ganz einfach. Die Politik stellt sich blöd, blind und taub, wenn es um diese, lapidar genannt, Hakenkreuzschmierereien geht.
    Und verfällt in Aktionismus, wenn sie mit der Nase drauf gestossen wird. Das sich nun ausgerechnet die Linke dermassen in’s Zeug legt, empfinde ich als Heuchelei.

    Christliche Friedhöfe werden beschmiert? So gross ist die Gothic- und Satanistenszene nicht. Aber natürlich kann man da alle als „volltrunkene Idioten“ bezeichnen. Allerdings liegt bei einer Verwüstung jüdischer Friedhöfe, oder Schmierereien an jüdischen Einrichtungen eine ganz andere Intention vor, lies Dir doch besser mal die Aussagen nach dem „Warum“ durch. In den wenigsten Fällen geht es um jugendlichen Übermut, sondern schlicht und ergreifend das man entweder die Juden nicht mag, oder Israel (was auf das Gleiche rauskommt). Mir ist auch nicht bekannt, das in Deutschland christliche, oder islamische Einrichtungen den gleichen Polizeischutz geniessen, oder ist es etwas besonderes Jude zu sein? Du kannst mich ja, mit Deinem Hintergrund gerne darüber aufklären warum vor der Synagoge ein Polizeifahrzeug steht, oder ein jüdisches Restaurant in Berlin mit Sperren versehen ist, während die Dorfkirche völlig ohne auskommen muss und -das ist der Hammer- sogar nach Einbruch der Dunkelheit von den Gläubigen ohne Probleme besucht werden kann.

    Dir mag ja das „Antisemitismusgeschrei“ auf die Nerven gehen und natürlich darfst Du dazu auf Deinen Hintergrund verweisen -das kenne ich ja schon von anderen-. Mir geht es gewaltig auf die Nerven, wenn jeder Trottel daher kommt und mir erklären möchte, so schlimm wäre es ja mit den Schmierereien nicht, oder es als „jugendlichen Übermut“ erklären möchte. Und ich lasse mir auch ungern erklären, die Juden sollten doch endlich mal die Klappe halten, oder wenn es einem hier nicht passt, doch in’s Ausland zu gehen. Mir gehen auch Typen gewaltig auf die Nerven, die das alles als Sachbeschädigung sehen, damit meine ich auch Schmierereien an Asylheimen. Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus entstehen im Kopf.

    Im übrigen weise ich gern daraufhin, dass dieser Aktionismus nicht die Tinte wert ist, schließlich ist dieser Blog mein Spielplatz.

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