Zum 9. November

Morgen ist es wieder soweit. Am 9. November denkt man an den Fall der Mauer und die deutsche Wiedervereinigung. Ach ja, auch dem 9. November 1938 gedenkt man selbstverständlich in verschiedenen Veranstaltungen, für manche in Deutschland praktisch ein Aufwasch. Denn man muß nicht unbedingt die Rede ändern und kann als Mahner gegen die DDR auch gegen den Nationalsozialismus an’s Podium treten.

Im Falle des 9. November 1938 wirken die Reden und Mahnungen allerdings als Business as usual, besonders wenn man sich anschaut was eigentlich von den zahlreichen Gedenkveranstaltungen bleibt. Natürlich ist jeder gegen Nazis und natürlich erklärt jeder, sowas wie der Nationalsozialismus und die Judenverfolgung dürfe es in Deutschland nicht mehr geben. Anschließend verspricht man dann stärker gegen den wachsenden Antisemitismus vorzugehen, davon ist allerdings am 11. November nichts mehr zu spüren.

Im Vorfeld der Veranstaltungen wies die Amadeu-Antonio-Stiftung auf den weiter wachsenden Antisemitismus in Deutschland hin, der nicht ausschliesslich bei den Rechten zu finden ist, sondern ein Gesamtproblem darstellt und konstatierte „Die Wahrheit ist: Antisemitismus steckt in vielen der Jugendlichen.“ Das diese Feststellung nicht wirklich neu ist verdrängt man trotz zahlreicher Vorfälle immer gern. Da nutzt es nicht viel wenn Steffen Andersch vom Projekt Gegenpart gegenüber dem Tagesspiegel erklärt, dass Antisemitismus nicht nur unter Rechtsextremen grassiere, sondern in der Mitte der Gesellschaft angekommen sei und berichtet „Seit zwei bis drei Jahren sei die erschreckende Entwicklung zu beobachten, dass sich Antisemiten immer öfter trauten, ganz offen zu ihrem Weltbild zu stehen“.
Gerade die Entwicklung, dass sich Antisemiten immer öfter trauten findet nicht erst seit zwei, oder drei Jahren statt, im Gegenteil. Es hat sich, trotz des Holocaust, immer eine Gruppe offen zu ihrem Antisemitismus bekannt, allerdings und da gebe ich Herrn Andersch Recht, sind es immer mehr die sich mit Namen und Adresse in Leserbriefen, oder Emails outen.

Gerade Personen, die in den Medien präsent sind können ein Lied davon singen wie der Durchschnittsmichel von Nebenan seiner vermeintlich unterdrückten Meinung Luft macht und Juden nicht nur mit seinem Antisemitismus belästigt, sondern von diesen auch eine Stellungnahme zu Auschwitz, Israel und der Weltverschwörung fordert. Man erwartet von den Juden, dass diese sich nicht nur für Auschwitz entschuldigen, sondern auch von Israel distanzieren, sowie sich Asche auf’s Haupt streuen und unter Tränen eine Mittäterschaft an der Weltverschwörung eingestehen. Dieses Verhalten existiert seit der Goldhagen Debatte, verstärkte sich während/nach der deutschen Einheit und trat offen nach der 2. Intifada zu Tage.

Der Nah-Ostkonflikt bildet nicht nur für Rechte/Linke ein Ventil, sondern auch den eher unpolitischen. Gerade die Berichterstattung in den Medien, oder die Aussagen einiger Politiker zu Israel geben dem Antisemiten das Gefühl es wäre nichts verwerfliches, wenn er seine Vorurteile und Ressentiments offen ausspricht. Man redet zwar davon, dass man dem Antisemitismus einen Riegel vorschieben müsse, geht es aber um konkrete Vorfälle die nicht in den Medienfocus der Öffentlichkeit geraten, bleiben die Reaktionen gänzlich aus.

Die Historikerin Marion Neiss beleuchtet in einem Artikel der Jüdischen Zeitung das es in Deutschland traurige Tradition ist jüdische Friedhöfe zu schänden, ohne dass die Politik sich sonderlich damit auseinander gesetzt hätte, im Gegenteil werden die Straftaten relativiert und den Tätern unterstellt, diese würden aus Frust und Langeweile Grabsteine umwerfen und diese mit Hakenkreuzen und Naziparolen beschmieren. Ein jugendlicher Täter erklärte auf seine Motivation angesprochen lapidar, „Fünf Tage Schule, Freitags Disco und sonst?“ (Der jugendliche Täter wurde 1994 nach einem Vorfall gegen den jüdischen Friedhof in Nassau verhaftet). Zwei Jugendliche aus dem Odenwäldischen Beerfeld erklärten, man wollte einfach mal Action und Power erleben.

Frau Neiss listet weiter auf, dass von 1945-2002 2027 Schändungen jüdischer Grabanlagen nachgewiesen wurden. Allein von 1990-2002 gab es insgesamt 633 Vorfälle, das bedeutet, pro Woche wurde ein Friedhof Ziel antisemitischer Anschläge. Während 1957 die Aufklärung noch bei 53% lag, sank sie im Laufe der Jahrzehnte und liegt heute bei etwa 10-15%. Offensichtlich bequemt man sich zur Aufklärung nur noch, wenn die Tat ein Medienwirksames Echo erreicht das über die regionalen Grenzen hinaus geht. Auch jüdische Einrichtungen in Deutschland werden immer öfter das Ziel von Schmierereien und müssen immer noch, über 60 Jahre nach Ende des zweiten Weltkriegs, von Polizisten geschützt werden.

Darüber sollte man am 9. November intensiv nachdenken, statt nach der Erinnerung am Buffet zu stehen und sich den Bauch vollzuschlagen. Ob die Forderung der Amadeu-Antonio-Stiftung nach Bildung und Aufklärung Früchte trägt, wage ich zu bezweifeln, dafür ist der Antisemitismus zu tief in den Köpfen eingegraben und wird durch den wachsenden Antisemitismus der in Deutschland lebenden Araber zusätzlich mit Nahrung versorgt.

Der deutsche Staat ist gefordert und er sollte möglichst schnell, möglichst umfangreiche Maßnahmen ergreifen und sich nicht in der Erinnerung, oder der tollen Aufarbeitung der NS-Zeit sonnen -die in Wirklichkeit kaum statt gefunden hat-, sonst wird die zarte Pflanze jüdischen Lebens in Deutschland recht schnell verdorren.

„Schweigen mit fatalen Folgen. Das Schänden jüdischer Friedhöfe hat in Deutschland Tradition“. Von Marion Neiss ist in der Novemberausgabe der Jüdischen Zeitung nur in der Printversion zu lesen.

Advertisements

2 Gedanken zu “Zum 9. November

  1. Leider ist es jedes Jahr die gleiche Veranstaltung. Ein paar Worte der Mahnung und der Erinnerung.
    Am nächsten Tag spricht man dann zum Jahrestag des Kleingartenvereins Fröhliche Zwerge e.V. in Bad Boll über den Nutzen des Feldhamsters für die Blumenbeete. Business as usual.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s